Fair Value
Die Fairness der Asymmetrie

Nach den Wirtschaftsprüfern rücken auch die Aufsichtsbehörden von der Bewertung nach dem reinen Fair Value-Prinzip ab. Der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht hat nun entsprechende Leitlinien vorgelegt. Es ist richtig, dass Marktwerte nicht immer verlässlich sind. Doch die Abweichungen werden eher bei zu hohen Kursen gefährlich.
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Die Wirtschaftsprüfer sind schon von der Bewertung nach dem Prinzip des Fair Value oder Mark-to-Market abgerückt. Ihnen schließen sich nun auch die Aufsichtsbehörden an. Doch sie lassen dabei die Chance ungenutzt, wirklich fair zu sein.

Der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht, der der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) angegliedert ist, hat die Bemühungen des International Accounting Standards Board (IASB) befürwortet, die Richtlinien für die Bewertung von Vermögenswerten zu überarbeiten. Eine der vier Aufforderungen des Ausschusses besteht darin, dass die neuen Regeln "berücksichtigen, dass Fair Value dann nicht wirksam ist, wenn eine Verzerrung der Märkte einsetzt oder sie illiquide sind".

Es werden zwar keine Einzelheiten ausgeführt, aber es ist klar, was damit impliziert wird: Den Banken sollte es erlaubt werden, die Standards der börsentäglichen Neubewertung lockerer zu handhaben, wenn die Kurse in von Panik regierten Märkten auf ein lächerlich niedriges Niveau fallen. Befürworter dieses flexiblen Ansatzes argumentieren, dass die jüngste Krise dadurch verschärft worden sei, dass die Banken Kapital auftreiben mussten, um Papierverluste abzudecken.

Vermutlich ist es gerecht, den Banken eine Ausstiegsluke für vorübergehende Marktzusammenbrüche zu eröffnen. Und wenn es so weit ist, werden die Bankenchefs als Erste die Wirtschaftsprüfer dazu drängen, von den Marktwertprinzipien abzuweichen.

Doch weder der IASB noch der Baseler Ausschuss haben der gleichermaßen gefährlichen Marktfehlbewertung im anderen Extrem große Beachtung geschenkt: den übermäßig hohen Kursen in Zeiten spekulativer Blasen. Genau so wie unangemessene Liquidität zu ungerechtfertigt niedrigen Kursen führen kann, kann überschüssige Liquidität die Kurse zu weit nach oben drücken.

Zu einem solchen Zeitpunkt entwickeln die Papiergewinne eine beflügelnde Wirkung. Die Boni steigen und die Banken verfügen über mehr Mittel, um Fremdkapital aufzunehmen. Die Händler werden ermutigt, leichter und schneller überbewertete Wertpapiere zu kaufen - und zu schaffen. Genau dies war vor der Finanzkrise des vergangenen Jahres eingetreten. Als die Blase dann platzte, hatte sich so viel Unrat in den Bilanzen aufgetürmt, dass die Zentralbanken und Regierungen als Retter einspringen mussten.

Die Risiken, die aus miserablen Marktindikationen entstehen, dürften zwar ungefähr gleich hoch sein. Doch die Schwierigkeiten, mit ihnen umzugehen, sind es nicht. Was zu billige Vermögenswerte angeht, so werden die Wirtschaftsprüfer bereitwillige Verbündete bei den Banken finden, sich der Abkehr von der Mark to Market-Rechnungslegung anzuschließen. Aber die Kunden werden sich mit aller Macht gegen Bemühungen zur Wehr setzen, vernünftig zu sein, wenn die Märkte abheben. Um diesem Druck entgegen zu wirken, sollte der IASB die Abweichungen asymmetrisch gestalten: Er sollte härter bei Hochschreibungen vorgehen als bei Abschreibungen.

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