Faktor Mensch
Das Büro – Spiegel unserer Seele und unser zweites Wohnzimmer

Es ist wieder dunkel geworden in Deutschland und kalt. Der Winter hat begonnen. Wenn wir morgens ins Büro aufbrechen, ist die Sonne noch nicht aufgegangen, und wenn wir abends von der Arbeit heimkehren, ist sie schon wieder untergegangen.
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Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber mir wird jedes Jahr im November erneut klar, dass ich den ganzen - natürlichen - Tag, also von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, im Büro verbringe. Reisen mal ausgenommen. Das ist zwar eigentlich nicht anders als im Sommer. Aber durch die Dunkelheit auf dem Hin- und Rückweg ist der Blick kanalisiert, kann nicht schweifen - und tut es dann im Büro.

Und was wir da so sehen, ist traurig bis lustig und lässt tief blicken. Am Interieur des Büros lernen wir uns selbst, unsere Kollegen und Kunden besser kennen. (Übrigens ein Grund dafür, dass wir Journalisten für Interviews keine Konferenzräume mögen. Viel zu unpersönlich ...)

Da gibt es den Designer. Sein Büro ist durchgestylt mit USM-Schränken, Artemide-Lampen, Eames-Chairs. Kein Papierchen, Stift nirgendwo, weder Apfelgehäuse noch Kaffeetassen, die Tastatur liegt rechtwinklig zur Tischkante. Der Designer-Typ ist übrigens interessanterweise meist eines der Extreme: Controller, also Zahlenmensch, oder Kreativer. Keine Ablenkung durch irgendwas. Die Tür ist meist zu. Einsame Aufgeräumtheit.

Dann der Chaot. Eine aussterbende Spezies, die an Stauballergie oder einstürzenden Papierstapeln zugrunde geht. In solchen Büros steht gerne ein Nippesschrank wie bei Oma in Kleinkleckersdorf. Devotionalien, Werbegeschenke, Mitbringsel von Geschäftsreisen, Wichtelgeschenke der vergangenen 25 Weihnachtsfeiern, Abschiedsgeschenke früherer Kollegen - ein Fundus wie auf dem Flohmarkt.

Und dann der Audienzsaal. Ein Büro, nicht zum Arbeiten, das tun ja die anderen, sondern zum Repräsentieren, zum Auf-dicke-Hose-Machen, zum Zurücklehnen. Ein solches Büro ist gerne Eckzimmer, ausgestattet mit dem Schreibtisch des Großvaters ("Gott hab ihn selig ...") und echten Bildern ("Immer diese kleingeistigen Kunstdrucke ..."). Must Haves seit Generationen sind: Globus, Weltzeituhr, Humidor, handsignierte Erstausgaben ...

Und schließlich der heimatlose Nomade, das sind meist die jungen Kollegen. Sie haben nur einen Rollcontainer und suchen sich jeden Tag ein neues Zuhause, eine Dockingstation. Der Büronomade geht mit seinem Teebeutel jeden Tag auf Wasserkochersuche. Und das schnurlose Telefon wandert sogar mit aufs eigentlich stille Örtchen. Sein Begleiter ist so ein Bambusstengel im Glas. Mit den Kollegen der IT ist er auf "Du" und "Du".

Egal, ob wir viel oder wenig geben auf unser Büro, unsere Arbeitsstätte, es ist unsere zweite Natur. Und so wie man sich bettet, so schläft man, so wie man sich sesselt, so arbeitet man, und so wird man auch wahrgenommen.

Tja, und weil uns die zweite Natur vielleicht gerade im Winter, in der uns so umgebenden Dunkelheit auffällt, ist das der Grund dafür, dass wir ab November anfangen, im Büro "heimelig" zu machen - mit Adventskranz, Adventskalender, Zimtsternen, Mandarinen, Stollen, Glühweinrunden.

So ganz gelingt uns das natürlich nicht, kann es auch gar nicht, denn, dem Brandschutz sei Dank, es ist in vielen deutschen Büros verboten, Kerzen anzuzünden. Brandgefahr. Und täglich grüßt deshalb der brennende Adventskranz im Intranet.

Aber vielleicht ist das auch gut so. Denn eigentlich wollen wir im Büro weder wohnen noch leben, sondern arbeiten. Oh du fröhliche arbeitsintensive, geregelte deutsche Vorweihnachtszeit. Eigentlich wollen wir im Büro ja weder wohnen noch leben.

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin

Kommentare zu " Faktor Mensch: Das Büro – Spiegel unserer Seele und unser zweites Wohnzimmer"

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  • Dieser Artikel wird wirklich zu wenig gelesen. Man muss sich vorstellen, dass tagein tagaus millionen Deutsche in ihre büros fahren oder zum Arbeitsplatz und eben diese beobachtung machen: die Veränderlichkeit der Jahreszeiten. Die Journalististin beschreibt folgendes: wir teilen dasselbe Schicksal. Eigentlich sollten wir durch derartige Darstellungen näher zusammen rücken. Denn mit diesen Worten finden wir eine Welt, in der wir voneinander entfernt, doch dieselbe Lebenshärte durch zu stehen haben. Und das eben jeder und jede mit der jeweiligen Art. Wir sind im Verhältnis zueinander eben die zweite Natur, der wir mit unserer ersten Natur gegenüber stehen, unserer individualität.


  • Leute wie diese ihre Mitarbeiterin schwadronieren über das Arbeitsleben und wollen uns Lesern selbiges auch noch erklären.
    Dabei schreibt die Dame wie der blinde über die Farbe.
    Es ist eben für das normale Dasein auch dieser Mitbewohnerin des Planeten erforderlich, dass irgendwer irgendwo mal ein Loch bohrt oder einen Haufen Kies abkippt.
    Solche Realitäten scheinen aber in der Vorstellungswelt dieser Dame keinen Platz zu haben - eine faszinierende Übereinstimmung mit dem Denken "unserer" Politoker.
    Schade um's Papier.

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