Faktor Mensch
Die ewige Frage: Wer bin ich? – am Beispiel der Designer

Die Suche nach der eigenen Identität ist ein beliebtes Thema in der Literatur. "Ich bin nicht Stiller!" ist einer der berühmtesten ersten Sätze der deutschen Nachkriegsliteratur
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Ausgerufen hat ihn der verwechselte Mr. White, die Hauptfigur in Max Frischs Roman "Stiller". Ein literarisches Motiv für eine Identitätskrise ist auch der Käfer. In der Novelle "Die Verwandlung" schildert Franz Kafka, wie der Handlungsreisende Gregor Samsa eines Morgens als ein solcher aufwacht.

Wer bin ich? Was will ich erreichen? Das sind Fragen, die sich nicht nur Verwechselte und Verwandelte oder Teenager und Manager in der Midlife-Crisis stellen. Unter dem Titel "Mehr-Wert" diskutierten deutsche Designer am Montag in der Zeche Zollverein in Essen ihre Rolle und Funktion in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und damit auch immer wieder, wer sie sind. Und diese Auseinandersetzung war weitreichend und grundlegend, weil die Gestalter gerne zwischen Produktion, Controlling, Marketing, Vertrieb zerrieben werden und sich im Spannungsfeld Kunst und Kommerz bewegen.

Auch wenn wir anderen mit unseren Berufen (vermeintlich) etablierter, kalkulierbarer und institutionalisierter sind, schadet es nicht, mal wieder den eigenen Standort zu bestimmen.

Was bin ich wert? Was meine Arbeit? Diese Fragen lohnen sich auch, wenn es eigentlich gut läuft und die Perspektive stimmt. So ist Design zwar ein Wachstumssegment, und wird längst nicht mehr nur aus ästhetischen, sondern aus betriebswirtschaftlichen Gründen eingesetzt. Die Form verknüpft technische Innovation und einfache Bedienbarkeit. Bestes Bespiel: der iPod von Apple. Design lässt sich aber nicht in Euro und Cent kalkulieren, taucht in keiner Bilanz auf; die Designer haben zudem keine Fürsprecher, es gibt in keinem Vorstand einen CDO, einen Chief Design Officer. Und Design zahlt sich für viele Kreative nicht aus, in den Gehaltstabellen rangieren sie ganz weit unten.

Die Frage nach dem Selbst- und Fremdwert ist also nachvollziehbar. Und Sie haben sie sich sicher auch schon mal gestellt - nach 16-Stunden-Tagen oder in der Hartz-IV-Debatte.

Entscheidend für eine Standortbestimmung ist auch: Wofür bin ich verantwortlich? Das Gewissen der Designer meldet sich bei Aufträgen für Konzerne, die alles andere als nachhaltig ausgerichtet sind. ("Designer von heute gestalten den schönsten Müll der Welt", hieß es in Essen.)

Negative Entwicklungen gibt aber es in jeder Branche, ethische Grenzen in jedem Beruf. Da brauche ich gar nicht weit schauen: zu Bankern in der Finanzkrise oder Journalisten in Kriegen.

Die nächste Frage: Wer ist mein Freund, wer mein Feind? Die kreativen Kollegen stapeln da hoch und lehnen zutiefst ab. Gestalten sei kein Job, sondern eine Mission. Und ihr Miesepeter ist der Marketingmanager. ("Wir müssen uns vom Marketingdekorateur zum Designer wandeln, vom operativen Produktionsdienstleister zum strategischen Prozessberater" - alles klar?)

Freund und Feind zu kennen ist wichtig. Den ersten zu überhöhen und den zweiten zu verteufeln aber nicht zielführend. Wenn Sie oder ich nicht mit dem neuen Chef sprechen, nur weil wir selbst scharf auf die Stelle waren, ist das keine gute Strategie.

Zurück zur Frage: Wer bin ich? Missionar, Dekorateur, Käfer, kein Stiller? Die Designer kamen gemeinsam auf keinen Nenner. Umso wichtiger war es, selbstbewusst zu sein: "Gäbe es uns nicht, würde man uns morgen früh um 7.30 Uhr neu erfinden."

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin

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