Faktor Mensch
Die neue deutsche Wertigkeit: von „grün“ zu „verantwortlich“

So wie jüngst die chemische Industrie vor der Ökobewegung auf die Knie fiel, so könnten wir bald vor Moralaposteln hinsinken und zum Ringkuss ansetzen.
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Dass wir gleich zu Big Spendern werden wie Bill Gates und Warren Buffett, die die Hälfte ihres Vermögens spenden wollen, das war ja nun wirklich nicht zu erwarten. Die Amerikaner fanden jeweils keine deutschen Mit(wohl)täter. Als Bad Boys, also böse Buben, wollen wir aber auch nicht dastehen. Und so hat sich jetzt eine Truppe von Topmanagern gefunden, die ein "Leitbild für verantwortliches Handeln" samt Standards etablieren will. Unter ihnen Jürgen Hambrecht (BASF), Josef Ackermann (Deutsche Bank) und Klaus Engel (Evonik).

Na, bravo! Ich gratuliere!

Nach Einzelaktionen wie von Bosch-Chef Franz Fehrenbach, der seinen Mitarbeitern eine vorgezogene Tariferhöhung spendierte, dem Bekenntnis von Burkhard Schwenker von Roland Berger zu mehr Verantwortung in einer Kampagne und der alljährlichen Volks-und-Elitenbeglückungs-Supershow "Bambi" von Verleger Hubert Burda gibt sich damit jetzt die ganze Gilde ein neues Gesicht. Manager gleich Mensch.

Ich begrüße diese Initiative. Ein Leitbild und Standards, die erst mal noch eingehalten werden müssen, sind zwar noch kein Paradigmenwechsel, wie eine Schwalbe keinen Sommer macht, aber ein Anfang. Und einen Neuanfang brauchen wir - und zwar nicht nur nach außen, sondern vor allem auch nach innen. Denn scheinbar weiche Themen sind inzwischen knallharte. Es gibt kein besseres, schlimmeres Beispiel dafür derzeit als die Personalpolitik.

Jeder Unternehmer oder Topmanager, der die Personalbeschaffung, -qualifizierung und-erhaltung nicht zur Chefsache gemacht hat oder keinen starken Personalchef an seiner Seite hat, wie René Obermann mit Thomas Sattelberger, der hat ein echtes Problem: das schrecklich-schöne Fachkräfteproblem.

Denn wer in der Krise kurzfristig rausschmiss, braucht sich im Boom nicht über ungelernte Aushilfen oder leere Büros und Werkbänke zu beklagen. Wer seine Leute in schlechten Zeiten nicht adäquat bezahlt und umsorgt hat, braucht sich in guten Zeiten nicht über Kündigungen zu wundern; Kapital ist beweglich, Humankapital auch. Und wer als Arbeitgeber unfair und kleinlich ist, erfährt bestimmt keine Einsatzfreude.

Also, wenn wir schon nicht mit unserem Geld die Welt retten wollen wie die Amerikaner, brauchen wir mehr solche Kampagnen, Einzelaktionen, Supershows und Initiativen, die dann aber bitte auch nach innen wirken. Wir sollten uns auch häufiger mal die Leviten lesen lassen wie jüngst von Erzbischof Reinhard Marx, der einen ethisch inspirierten Ordnungsrahmen für die Wirtschaft fordert.

Und ja, wenn alles gut läuft, können wir bald den Moralaposteln den Fingerring küssen. Übung darin haben wir ja schon, insbesondere Klaus Engel. Der Chef von Evonik und dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) hat uns mit seinem Kniefall vor der Ökobewegung gezeigt, wie's geht. Tanja Kewes Die Autorin leitet das Ressort Namen & Karriere.

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin

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