Faktor Mensch
Edel sei der deutsche Manager, männlich und weiß

Die Politik hat inzwischen schon die Vielfalt. Die Wirtschaft hat nur die Diversity-Manager - ansonsten bleibt alles beim Alten in den Führungsetagen.
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Ein Rollstullfahrer, ein Waisenkind aus Vietnam, ein Schlossherr, ein älteres Fräulein, eine siebenfache Mutter - und der Chef ist eine Frau und noch dazu aus Dunkeldeutschland: Die neue Regierungsmannschaft spiegelt, ob gewollt oder nicht, das moderne Deutschland wider. Die Politik hat damit etwas geschafft, was sich eigentlich die Wirtschaft unter dem schrecklichschönen Wort "Diversity" seit Jahren in die Geschäftsberichte geschrieben, aber in ihren Führungsetagen noch nicht erreicht hat: Vielfalt. Ich gehe sogar so weit und sage: Die Politik hat den Wandel geschafft, den einst die Wirtschaft mit Trümmerfrauen und Gastarbeitern eingeleitet hat.

Frauen und Ausländer sind in der Wirtschaft nach wie vor seltene Spezies. Fangen wir mit den Frauen an. In den Vorständen der Dax-Konzerne gibt es genau eine: Barbara Kux bei Siemens. Und auch jenseits der Top-30 schaffen es Frauen auf den Chefsessel eigentlich nur, wenn sie Witwen, Töchter oder Enkelinnen sind. Beispiele sind Maria-Elisabeth Schaeffler mit ihrer Industriegruppe aus Herzogenaurach, Simone Bagel-Trah, die neue Aufsichtsratschefin von Henkel und Nicola Leibinger-Kammüller vom Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf.

Darüber, dass die deutsche Wirtschaft nach wie vor ein Männergesangverein ist, kann jede Frau, die sich in ihr bewegt, einige Anekdoten erzählen: Auf einer Veranstaltung im feinen Industrie-Club zu Düsseldorf, auf der ich von rund 100 Anwesenden die einzige Frau war, ging die Begrüßung mal so: "Sehr geehrte Herren, sehr geehrte Frau Kewes". (Mal abgesehen davon, dass es eigentlich "Dame" hätte heißen müssen, war ich schön peinlich herausgestellt.) Und neulich erhielt ich wieder eine Einladung für eine Abendveranstaltung mit dem einfältigen Hinweis zum Dresscode: Smoking. (Ich habe kurz überlegt, ob ich mir nicht mal einen kaufe und so auflaufe. Im Karneval könnte ich ihn gut auftragen...) Und dann dieses neue Magazin "Business Punk". Liebe Kollegen in Hamburg, in der Wirtschaft gibt es nicht nur liebestolle Sekretärinnen?, auch Frauen können hart arbeiten und spielen.

Der Ruf nach Vielfalt bezieht sich aber nicht nur auf das Geschlecht. Die Ausländerquote ist in den Chefsesseln der Dax-Konzerne zwar etwas höher als die Frauenquote, aber die Exportorientierung der deutschen Wirtschaft spiegelt sich dort noch lange nicht wider. So männlich wie die meisten Vorstandsetagen nach wie vor sind, so weiß und gutbürgerlich sind sie auch. Nur sieben der 30 Konzerne werden von Ausländern geführt. Und von diesen sieben Zwergen kommen noch vier aus dem nahen, deutschsprachigem Raum: Josef Ackermann (Deutsche Bank, Schweiz), Reto Francioni (Deutsche Börse, Schweiz), Wolfgang Mayrhuber (Lufthansa, Österreich) und Peter Löscher (Siemens, Österreich). Nur Ben Lipps (USA, Fresenius Medical Care), Håkan Samuelson (Schweden, MAN) und Kaspar Rorsted (Dänemark, Henkel) sind die einzigen echten Exoten.

Diversity-Manager hat die deutsche Wirtschaft inzwischen mindestens genau so viele wie der öffentliche Sektor Gleichstellungsbeauftragte. Typischerweise sind Diversity-Manager Frauen und manchmal wie bei Siemens mit Jill Lee gleich der Doppelschlag: ausländische Frau.

Warum hinkt die Wirtschaft der Politik in puncto Vielfalt hinterher? Ist es vielleicht neben aller - vielfältig diskutierten - Familien- und Ausländerunfreundlichkeit so, dass die weißen Männer den Frauen und Farbigen jetzt freiwillig die Politik überlassen?

Warum sie das tun? Weil sie wissen: Die eigentliche Macht liegt in den Führungsetagen der internationalen Konzerne und nicht in den nationalen Diskutierstuben, pardon Parlamenten.

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin

Kommentare zu " Faktor Mensch: Edel sei der deutsche Manager, männlich und weiß"

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  • Mutig diesen Zustand mal offen anzusprechen, insbesonders mit dem Hinweis auf den Exportanteil der Wirtschaft. Deutschland ist "managementtechnisch" ein Monokultur, und spiegelt die Anforderungen der Exportwirtschaft, gesellschaftlichen Wandel und internationalisierung der Weltwirtschaft in keiner Weise wieder. Leider stellen die meisten "Manager" nur sich selbst ein, und Diversity hin oder her die Personaler nicken nur dem Chef zu - wir sind ja Exportweltmeister, muss doch alles stimmen, aber in erster Linie aufrund der Produkte. Dieser Vorteil geht langsam aber sicher verloren.

    Als Analogie kann Sport dienen, nur wenn der Schmerz gross genug ist da die Konkurrenz auf- oder ueberholt, wird sich diversity durchsetzen, hoffentlich ist es bis dahin nicht zu spaet - siehe die Nationalmannschaft.

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