Faktor Mensch
Eine Frage der Macht – oder: Willkommen in der Wirtschaft!

Warum wechseln Fach- und Führungskräfte nicht in die Politik? Weil wir uns in allen Belangen schlechter stellen würden.
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Wow! Wenn Karl-Theodor zu Guttenberg so schwungvoll auf die Bühne springt wie wieder beim CSU-Parteitag, heben wir die Augenbraue. Und wie er sich erst prinzipientreu bei Opel verhielt und jetzt die Bundeswehr und sein Ministerium auf Vordermann bringt, nötigt uns Respekt ab. Und schließlich die glanzvollen Auftritte mit seiner edlen Stefanie, da werden wir fast neidisch. So ein John F. Kennedy von der Spree wären wir auch gerne ?

Warum eifern wir, die Fach- und Führungskräfte der Wirtschaft, ihm nicht nach und wechseln in die Politik? Themen, die uns am Herzen und Geldbeutel liegen, gibt es ja zuhauf. Warum etwa geht ein Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber in den Aufsichtsrat statt in die Politik? Warum wird er nicht Verkehrsminister und baut - wie so oft von ihm gefordert - die Infrastruktur aus? Warum zieht es einen RWE-Chef Jürgen Großmann nicht in die Energiepolitik? Und wieso wird Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger (Mr. Frauenquote) nicht Familienminister?

Weil wir Wirtschaftsleute uns in der Politik in allen Belangen schlechter stellen würden. Da ist erstens die Frage der Macht. Klar, die liegt offiziell bei den Volksvertretern. Doch inoffziell in der Wirtschaft. Das hat RWE-Chef Großmann zuletzt eindrucksvoll mit seiner Anzeigenkampagne bewiesen. Wir Wirtschaftsleute müssen für unseren Einfluss nicht in die parlamentarische Bütt.

Zweitens das Image. In der Öffentlichkeit werden wir zwar auch mal als "Nieten" betitelt, aber das perlt an uns ab und ist noch besser als "Verräter". Und wollen wir uns und unsere Gattin mal zeigen, laden wir in unsere Hauptstadt-Repräsentanz oder auf ein Schlösschen im Rheingau.

Ja, und drittens, das absolutistische Führungsprinzip. Wir haben zwar wenige Prinzipien, aber diese pflegen wir. Entscheidungskollektive, stunden-, tage-, wochenlange Diskussionen wie jetzt in Stuttgart - da würden wir vor unterdrückter Wut den Montblanc-Füller zerkauen. Wo wir sind, ist vorn, und was wir sagen, ist Gesetz - ohne Abstimmung. Warum das "Alle für eine" gegen "Eine für alle" tauschen?

Und viertens: das liebe Geld. Wir sind zwar nicht käuflich, darauf bestehen wir, seit es mit den Compliance-Abteilungen den Weißwaschpflichtgang gibt, doch wir wissen: die meisten anderen schon. Und leider, leider sind wir auch kein Freiherr mit Wald und Wiesen, die finanziell unabhängig machen.

Und schließlich fünftens: Viele von uns haben schon Erfahrungen gemacht wie der Tunnelbauer Martin Herrenknecht oder der Deutschlandchef von Morgan Stanley, Dirk Notheis. Ersterer versuchte, den heimischen CDU-Kreisverband zu übernehmen, und scheiterte, und Letzterer sammelte mal Wahlkampfspenden - und dieser Sommerjob brachte ihm weder Ruhm noch Dank.

Und weil es ist, wie es ist, gönnen wir unserem kleinen Kennedy seine Show und begrüßen herzlich einen, der aus der Politik in die Wirtschaft rübergemacht hat: Roland Koch. Tanja Kewes Die Autorin leitet das Ressort Namen &

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin

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