Faktor Mensch
Einfach mal abschalten – und die Leine durchbeißen

Wir stehen wie Feuerwehr und Notarzt auf Abruf bereit: mailen, simsen, chatten. Aber es geht auch ohne, sogar viel besser als mit.
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Der wichtigste Mann der Welt, US-Präsident Barack Obama, tut es, die wichtigste Frau Deutschlands, Kanzlerin Angela Merkel, macht es auch: mailen, simsen, chatten. Und jetzt hat sogar die gute alte Post das Internet entdeckt und stößt ins Horn: Der Brief geht ins Internet. Und wir, die Rädchen im Getriebe, die Bürger, Kunden, Angestellten? Wir sind schon längst süchtig, haben uns mit Handy, Blackberry oder iPhone wie Hunde an die Kette legen lassen, stehen wie die Feuerwehr und der Notarzt auf Abruf bereit, als ginge es um Leben und Tod, sprechen und schreiben Stakkato und Steno und haben vom Tippen und Touchen erste Ansätze von Hornhaut an den Daumen.

Sie meinen, ich übertreibe? Na, dann schauen Sie mal demnächst häufiger vom Display hoch und sich um. Im Flugzeug liefern wir uns Wortgefechte mit der Stewardess, wann das Handy auszuschalten ist ("Jetzt schon? Die Türen sind ja noch auf ?") und wann wir wieder einschalten dürfen ("Ich sehe die Landebahn doch schon ?"). In der Firma schicken wir die Sekretärin los, ein Aufladekabel für das Handy zu besorgen, koste es, was es wolle ("Fragen Sie alle Kollegen, und wenn keiner seins mithat, dann kaufen Sie eines ?"). Auf der Messe drücken wir uns an den Rändern entlang auf der Suche nach einer Steckdose, an der wir unser Laptop aufladen können. Und haben wir eine gefunden, kabeln wir uns an und kauern uns mit dem mobilen Mobiliar in die Ecke wie ein Hund in seine Hütte. Allein am Mittagstisch halten wir rechts die Gabel und links das Handy, Blackberry oder iPhone und schaufeln das Essen blind in uns hinein.

Abends im Bett gilt unser letzter Blick nicht dem Partner, sondern dem Screen und morgens die erste Geste des Tages dem On-Knopf. Und selbst auf dem stillen Örtchen kramen wir - wenn auch unter leisem Fluchen - das vibrierende Gerät aus der Tasche: "Ja, nein, Sie stören nicht!" Die rauschende Abluft des fensterlosen Badezimmers erklären wir kurzerhand zum "Föhnwind von München". Der Urlaub bringt uns - egal wie weit wir reisen - keinen Abstand mehr. Den Abwesenheitsassistenten richten wir deshalb schon mal prophylaktisch mit der Floskel ein: "Ich lese meine E-Mails nur in unregelmäßigen Abständen ?" (Sie lesen sie also ...) Oder wir schreiben gleich die "Notfallnummer" rein: die private Handynummer.

Als "Homo communicans" sind wir auch schreckhaft und neigen zu Phantomschmerzen. So zucken wir bei jedem Klingeln und Brummen zusammen, weil wir denken, wir seien gemeint. Und blinkt, brummt und klingelt es mal eine halbe Stunde nicht, meinen wir, etwas gespürt oder gehört zu haben, und kontrollieren dann - aus Verlegenheit -, ob der Empfang noch steht. Wir schreiben wie Analphabeten und verlieren jede Form. Sätze wie "Ok, MfG" sind an der Tagesordnung. Oder auch schön: "Bitte asap prüfen!" Und bringt ein Absender sein Anliegen nicht in der Betreffzeile auf den Punkt, drücken wir "Entf".

Klick, klick, dingdong, pling, brumm, rotes Signal, grünes Licht - schalten Sie doch einfach mal ab und beißen die virtuelle Leine durch. Die nächsten beiden Wochen bieten dazu die letzte und reelle Chance. Lesen Sie mal nicht vom Faktor Mensch, sondern sein Sie Tochter, Sohn, Ehepartner, Mutter, Vater, Opa, Oma. Oder schreiben Sie mal einen echten Brief (Die Post transportiert ihn bestimmt gerne ...). Und wenn Sie das Tippen und Touchen doch nicht lassen können, dann leiten Sie wenigstens diese Kolumne (www.handelsblatt.com/meinung/kolumne-faktor-mensch/) weiter.

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin

Kommentare zu " Faktor Mensch: Einfach mal abschalten – und die Leine durchbeißen"

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  • Hallo Tanja,
    dem stimme ich wie immer zu! Manchmal im Leben müssen wir etwas beschleunigen, genauso oft wäre es aber auch ratsam, etwas zu entschleunigen – auch wenn wir damit, zugegebenermaßen, in unserer modernen Zeit weniger vertraut sind. Die beschleunigung ist unser Tagesgeschäft: Ständig werden Prozesse verbessert, Abläufe rationalisiert – und ist ein Projekt abgeschlossen, wenden wir uns dem nächsten zu. Pausen nehmen wir nur zwangsweise! im wahrsten Sinne des Wortes deutlich wird dies, wenn uns eine Krankheit plötzlich dazu zwingt, zu entschleunigen. Unser Körper regelt in solch einem Fall oft das, wozu unser Verstand nicht fähig war. Viel souveräner wäre es natürlich, selbst rechtzeitig zu ent-schleunigen, sich bewusst Zeit für etwas zu nehmen und be-stimmten Dingen auch Zeit zu lassen. Diese Reifezeit kommt nicht nur Käse oder Wein zugute – auch unsere souveräne Persönlichkeit braucht sie, um natürlich und langfristig erfolgreich wachsen zu können.

    Viel Erfolg beim Umsetzen der Vorsätze und ein besinnliches Weihnachtsfest wünscht
    Theo bergauer

  • Auftrag ausgeführt, Artikel an ausreichend viele Wahnsinnige" versandt. ist allerdings paradox, eigentlich sollten sie den Artikel garnicht lesen, oder erst in 14 Tagen, wenn sie abgeschalten haben. Aber ich weiss, dass er gelesen wird ... :-)

    Frohe Weihnacht

  • Hallo Tanja, ihre Kolumnen sind großartig. Kompliment. Haben Sie schon einmal ein buch geschrieben? Schöne Weihnachten.

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