Faktor Mensch
Immer aalglatt und cool zu sein ist modern – aber von gestern

Über den Aufschwung könnten wir uns eigentlich mal freuen. Aber das wäre ja viellecht uncool
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In seinem "Selbstbildnis mit Pfeife" präsentiert sich der französische Maler Gustave Courbet als ein in sich ruhender Mensch. Sein Blick aus halb geöffneten Augen ist nachdenklich nach unten gerichtet, eine kleine Pfeife hängt aus seinem Mundwinkel, die dunklen, halb langen Haare fallen locker, sein Hemdkragen ist offen.

Dieses Selbstbildnis aus dem Jahr 1849, wie es gerade in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt hängt, hat schon etwas sehr Modernes. Denn die äußere Ruhe, die Courbet in diesem Bild zeichnet, war nicht seine innere. Er lebte in unruhigen Zeiten und war selbst politisch aktiv. So war er etwa bei den Aufständen 1871 in Paris dabei und landete später erst im Gefängnis und schließlich im Exil in der Schweiz.

Warum ich Ihnen das schildere? In diesem Selbstbildnis habe ich uns wiedererkannt.

Wir präsentieren uns häufig auch in aller Ruhe, obwohl die Zeiten wahrlich unruhig und wir alles andere als entspannt sind. Statt einer kleinen Pfeife hängt uns dann ein Kugelschreiber oder zu späterer Stunde ein Zigarillo aus dem Mund, wir tippen und touchen zur Ablenkung oder Beruhigung auf iPhone, iPad oder Blackberry herum, kritzeln Notizen auf Handouts. Und um ja keine innere Unruhe oder gar Gefühle zu zeigen, schauen wir nicht nur nach unten, sondern verstecken uns hinter modischen Brillen, stützen mit der Hand den Kopf ab und verdecken so den verräterischen Mund. Wir bewahren die Fassung, komme, was da wolle. Achten Sie auch mal bei Ihrem Chef darauf. Der beherrscht das meisterlich - wenn er nicht noch zur alten Schule der Choleriker zählt.

Die äußere Ruhe, die wir da zeigen, ist häufig weder innere Gelassenheit noch stillschweigende Zustimmung, noch Abgeklärtheit und schon gar keine Überlegenheit. Wir haben nur gelernt, dass in der Ruhe die Kraft und damit der Erfolg liegt. Wer schreit, hat unrecht, hörten wir schon als Kinder.

Und unsere demonstrative Ruhe ist häufig nicht mal Show. Da es eh meist um das Kleinklein geht, die große Linie fehlt, echauffieren wir uns nicht. Die Verantwortung tragen ja andere, und die wechseln alle drei bis fünf Jahre. Und wir wissen auch: Die große Bühne ist glatt und hat geifernde Zuschauer. Ist uns etwas ernst, suchen wir das Zweiergespräch. Nach außen sind und bleiben wir aalglatt und cool.

Weil wir diese Gelassenheit gelernt und perfektioniert haben, sind wir fasziniert bis peinlich berührt, wenn mal wieder einer ausflippt oder Gefühle oder Gelüste zeigt - auch wenn das meist in Sport und Politik passiert oder Provinzpossen sind. Das sind derzeit die Baumbesetzer im Ländle, das waren ein Rudi Völler als Nationaltrainer nach dem 0:0 gegen Irland ("Scheißdreck") oder ein Bundeskanzler Gerhard Schröder ("Hol mir mal ne Flasche Bier").

Leider tut uns in der Wirtschaft selten einer diesen Gefallen. Da gewinnt ein Franz Fehrenbach, seines Zeichens Chef von Bosch, schon Kultcharakter, als ihm der Kragen platzt und er öffentlich die Banker und deren Bonipolitik kritisiert. Oder Josef Ackermann und sein Victory-Zeichen im Gericht.

Und als ich da so vor diesem Selbstbildnis aus dem vorletzten Jahrhundert stand, fiel mir ein: So lang her, so weit weg ist das gar nicht. Unser "Pokerface" hat zuletzt Lady Gaga besungen.

Unser Pokerface und unser aalglattes und cooles Auftreten ist sicherlich nicht schlecht, nur manchmal auch von gestern. So könnten wir uns derzeit einfach mal über den wirtschaftlichen Aufschwung und die Fast-Vollbeschäftigung freuen. Denn sonst enden wir noch wie Courbet. Der hat sich schließlich (1858) nur noch als "Pfeife" gesehen und gemalt. Über den Aufschwung könnten wir uns

einfach mal freuen.

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin

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