Faktor Mensch
Oh du fröhlicher, oh du seliger Konsument

Wie Kundinnen beim ersten Besuch zu Stammkundinnen werden Verkäuferinnen ihren Hausrabatt anbieten.
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Der deutsche Einzelhandel träumt jedes Jahr vom Weihnachtswunderland. Der Advent soll das ganze schlechte Geschäftsjahr wettmachen. Damit dieses Weihnachtswunder auch eintritt, gibt sich der Handel alle Mühe. Es duftet das künstliche Tannengrün, es locken die halbnackten Weihnachtsfrauen mit schalem Sekt, und bei Karstadt und Kaufhof versteckt sich der Einpackservice treppauf, treppab im letzten Kabuff und wartet mit Geschenkpapier im Corporate Design auf. Doch wie Lametta einen dürren oder krummen Weihnachtsbaum nicht stattlicher macht, so ist das auch im Einzelhandel. Wie Alice im Wunderland habe ich mich jedenfalls noch nicht gefühlt, eher wie ein Tourist in einer asiatischen Großstadt.

Neue Töpfe sollten es Weihnachten 2008 sein. Nach langem Hin und Her erscheint uns ein schlichtes und funktionales Set passend. Als ich noch etwas mit den Deckeln klimpere, wird die Verkäuferin nervös. "Also, wissen Sie, wenn Ihnen das zu teuer ist", sagt sie und zieht eine Karte aus dem Ärmel, "können Sie meine Personalkaufkarte benutzen. Das bringt Ihnen 18 Prozent." Puuh, das ist ein Angebot, aber was für eines. Jetzt vergeben schon die Verkäufer ihre eigenen Rabatte, denke ich. Dass es den Kaufhäusern schlechtgeht, weiß ich ja, aber so schlecht ? Die Töpfe sind toll, der Rabatt ist super, die Verkäuferin tut uns leid: Wir kaufen.

Und ein Lederportemonnaie wollten wir schenken. Bei Valentino gibt es ein schönes. Frisches Rot, weiches Leder, klassischer Verschluss, 250 Euro. Ein bisschen viel, seufze ich, und will es wieder in die Vitrine legen. "Ach, für Sie liebe Frau ?", "Kewes", helfe ich reflexartig weiter. "Für Sie, liebe Frau Kewes, als eine unserer Stammkundinnen, machen wir einen Sonderpreis. 120 Euro!" Ich reiße erschreckt die Augen auf, mein Freund schaut mich an und grinst. Nicht wegen des Preises. Nein, wegen der "Stammkundin". Ich stehe zum ersten Mal in diesem Laden, und das hatte ich auch vor dem Schaufenster so gesagt: "Lass uns da mal rein, da war ich noch nie drin." Und jetzt werde ich als "Stammkundin" bezirzt. Ich bin baff, lege das Portemonnaie aus der Hand, genau so eines hatte ich gesucht ?, wir gehen.

Eigentlich hätte ich ja glücklich sein können. Topfset gefunden und gekauft, der Verführung beim italienischen Luxustäschner widerstanden. Doch wissen Sie, wie ich mich gefühlt habe? Wie in Bangkok, als uns der Tuk-Tuk-Fahrer mit den entzündeten roten Augen nicht nur zum Green und Big Buddha fuhr, sondern auch noch in die Goldschmiede seines Onkels und den Tailor-Shop seines Schwagers. Irgendwie hinters Licht und an der Nase herumgeführt.

Das Gefühl hält an. Dieses Jahr habe ich bisher erst ein kitschiges und sicher ungenießbares Lebkuchenherz gekauft. Da weiß ich wenigstens, was ich nicht habe. Und einen Festpreis und einen Barcode hatte das Herz auch. Oh du fröhlicher, oh du seliger Konsument.

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin

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