Faktor Mensch
Schneller warten, hektisch geduldig

Weihnachten ist dieses Jahr ja, Gott sei Dank, „nur“ ein arbeitgeber- und workaholic-freundliches normales Wochenende. Montag können Sie wieder ins Büro.
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Abwarten können und Geduld haben waren ja noch nie unsere stärksten Eigenschaften. In der Adventszeit wären beide Verhaltensweisen aber wirklich mal nützlich und angebracht. Denn erstens ist nur so die Jahresschlussrally im Job zu überleben und zweitens der Weihnachtswahnsinn mit "stiller, heiliger" Familienidylle und "oh du fröhlicher" Shoppinglaune zu ertragen.

Ja, eine Jahresschlussrally gibt es nicht nur am Kapitalmarkt und im Beamtenstadel, wo noch alle bewilligten Mittel ausgegeben werden müssen (und dann der dritte Farbdrucker angeschafft wird), sondern in fast jeder Firma. Projekte müssen noch abgeschlossen, Pläne gemacht, Rechnungen geschrieben, Forderungen eingetrieben, Kündigungen ausgesprochen - oder Boni verteilt und Belobigungen ausgesprochen werden.

Und dann als heikler Höhepunkt: die Weihnachtsfeier. Der Stress des Schlussspurts, alle das Jahr über aufgestauten Gefühle - von verguckt in die neue Kollegin bis missgünstig auf den alten Konkurrenten, die Wut über das nicht erhöhte Gehalt -, das ergibt spätestens mit Alkohol eine explosive Mischung, und es genügt nur ein Funke wie eine falsche Bemerkung, und es knallt ...

Und sind wir dieser Jobrally entflohen - über verschneite Straßen, in eiskalten Zügen und nicht enteisten Flugzeugen -, geht zu Hause der Weihnachtswahnsinn weiter. Geschenke für die Oma, den Kegel und für die Katz. Der Tannenbaum, der Festtagsbraten, das Weihnachtsbier wollen besorgt, zubereitet, kaltgestellt sein. Die Kinder sind noch quengeliger, die Kassiererin im Supermarkt ist noch unfreundlicher, die Kirchenpredigt noch weltfremder, und der Kamin zieht immer noch nicht richtig.

Ja, wir wollen alle Jahre wieder schneller warten und sind hektisch geduldig. Aber wen wundert es wirklich?

Denn wenn wir ehrlich sind, haben wir das noch nie hingekriegt mit dem Abwarten und der Geduld. Oder haben Sie als Kind Türchen für Türchen vom Adventskalender geöffnet? Ich jedenfalls nicht. Das große Türchen vom 24.12. war immer schon vorher geknackt ... Und heute wird der Werbegeschenk-Weihnachtskalender direkt ganz geplündert.

Und weil wir sind, wie wir sind, wünsche ich Ihnen trotz alledem ein besinnliches Weihnachtsfest. Und wenn Ihnen auch noch am 24. bis 26.12. die Geduld fehlt für den romantischen Schneespaziergang zu zweit, für den Grappa mit dem Schwiegervater, für die Murmelbahn des Juniors, atmen Sie tief durch und denken: Weihnachten ist dieses Jahr "nur" ein arbeitgeber- und workaholic-freundliches Wochenende. Montag dürfen Sie wieder ins Büro und zwischen den Jahren alles das nicht schaffen, was Sie schon das ganze Jahr nicht geschafft haben, und herrlich hektisch und schnellschnellschnell sein.

Aber im neuen Jahr wird bestimmt alles ruhiger. Wer's glaubt, wird selig!

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin

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