Faktor Mensch
Schöne neue, alte Deutschlandwelt

Warum nutzen wir die „alte“ Ressource nicht gezielt? Da klagen wir lieber über Fachkräftemangel, lassen die weisen Alten aber zu Hause sitzen.
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Die Alten sind die neuen Helden. Die 70 plus zeigen uns gerade, wo es langgeht. Der 80-jährige Heiner Geißler ist der Schlichter vom Ländle, der 75-jährige Hilmar Kopper sucht als Aufsichtsratschef der HSH Nordbank einen „Verrückten“, der das Institut zukünftig führt, und der 73-jährige Roland Berger rettet mit Millionen Euro seine Beratung. Und schließlich der 106-jährige Jopi Heesters, der nicht mehr rauchen will, damit seine Frau noch länger was von ihm hat.

Willkommen in der schönen neuen, alten Deutschlandwelt, in der es zwei Extreme zu beobachten gibt. Denn neben denen, die nicht loslassen können oder wollen wie Geißler et al gibt es noch die, die sich zwar schon mit 55,5 Jahren in den Ruhestand halb ziehen, halb sinken lassen, aber dann als Rentnerband die Republik unterhalten.

Und das kennen Sie auch. Saßen Sie nicht auch schon einmal in der Bahn oder im Flieger und wurden von einer Truppe feucht-fröhlicher Menschen beim Arbeiten gestört? Oder haben Sie noch nie bei Ihren Schwiegereltern um einen Besuch gebeten und nach kritischer Lektüre im büttenpapier-ledernen Kalender einen „Termin“ zwischen Massage und Vereinsausflug bekommen? Und vielleicht sind Sie auch schon einmal durch das Open-Air-Altenheim Baden-Baden gegangen und haben sich blutjung gefühlt?

Und zu diesen beiden Beobachtungen kommt jetzt noch der Fakt hinzu: Die Macht in Politik und Wirtschaft liegt bei den Alten – qualitativ wie quantitativ. Das belegen diverse Statistiken. Jeder Dritte ist heute schon älter als 65, und 2030 soll es schon jeder Zweite sein. Und die 56- bis 65-Jährigen haben das höchste Nettovermögen. Diese Machtverteilung zeigen auch jeden Abend das Fernsehprogramm („Volkstümliche Hitparade“) und die Werbung, die von Prostagutt („Weniger Müssen müssen ...“) bis Antifaltencremes (Q10 bis Kollagen) reicht. Und ein Wahlversprechen ist immer gleich und parteiunabhängig: Die Rente ist sicher und wird erhöht.

Und weil es so ist, wie es ist, verstehe ich nicht, warum wir diese „alte“ Ressource nicht gezielt nutzen. Da klagen wir lieber über Fachkräftemangel und inhaltsleere Politik, diskutieren über Rente mit 67, lassen die weisen Alten aber früh nach Hause gehen und da sitzen. Das tatsächliche Renteneintrittsalter in Deutschland liegt bei knapp 62 Jahren. Warum gibt es so wenige Senior-Expert-Modelle, wie sie die Versicherungsgesellschaft Gothaer anbietet? Warum gibt es kaum Tandems von jungen und alten Kollegen? Es muss ja nicht mit Rücktritt und in einer Beziehung enden wie bei Hamburgs Ex-Oberbürgermeister Ole von Beust und seinem 19-jährigen Praktikanten.

Ja, warum? Vielleicht weil es uns allen so gutgeht? Nur, wie lange noch? Und wer übernimmt dann die Verantwortung? Ich sage mal: die Alten. Denn die Jungen von heute sind die Alten von Morgen und wahrscheinlich die Dummen. Tanja

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin

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