Faktor Mensch: Wenn aus Hänschen ein Hans werden soll ...

Faktor Mensch
Wenn aus Hänschen ein Hans werden soll ...

Warum klappt die Nachfolge in Familienbetrieben so häufig nicht? Weil es allzu (un-)menschlich zugeht! Ein Sohn soll ein Klon sein, und ein Bruder ist ein Konkurrent. Eine Kolumne von Tanja Kewes.
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Wie gut, dass Thomas Gottschalk nur medial den obersten Gummibären gibt und nicht den Vornamen seines Vaters Hans Gottschalk trägt - sonst wäre er wahrscheinlich auch noch in die Familiensaga von Bonn-Kessenich verstrickt. Denn die Nachfolgereglung bei Haribo sucht ihresgleichen und zeigt, dass in vielen Tragödien auch eine Komödie steckt und ein Vorname nicht nur entlarvend ist, wenn er Mandy oder Justin lautet.

Es fängt damit an, dass der 87-jährige Patriarch eigentlich Johannes Peter Riegel heißt. Die Welt kennt ihn aber nur als Hans Riegel. Er ist es, der den Süßwarenhersteller groß und berühmt gemacht hat, den sein Vater Hans Riegel 1920 gegründet hatte. Immer an seiner Seite, aber lebenslang nur die Nummer zwei: sein Bruder Paul.

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"Wenn schon nicht ich, dann einer meiner Söhne", muss der sich gedacht haben. Und gab jedem seiner drei Söhne den Vornamen Hans. Sein Kalkül: Einer wird den kinderlosen Bruder schon beerben. Doch das ist bis heute - wir ahnen oder wissen es - weder Hans-Jürgen noch Hans-Guido noch Hans-Arndt gelungen. Aber immerhin: Auf inneren und äußeren Druck rückten Guido und Arndt jetzt in die Führungsriege auf.

Warum klappt die Nachfolge in Familienbetrieben so häufig nicht? Weil es allzu (un-)menschlich zugeht. Ein auf Familienfirmen spezialisierter Berater verriet mir mal: "Eigentlich müsste ich nicht Betriebswirt, sondern Psychologe sein."

Das liegt an der Ausgangslage: Es gibt einen Gründer- oder Aufbau-Hans, der nicht loslassen kann oder will. Er hält sich (natürlich) für einzigartig und vermeidet daher das, was die meisten von uns schon im ersten Führungskräfteseminar gelernt haben: einen Vertreter zu installieren und beizeiten einen Nachfolger aufzubauen. Und dann wird es im Fall des Falls schnell unübersichtlich: Es gibt Witwen, Kinder und Kegel, Neffen und Nichten, die dann künftig die "Stämme" der Erben bilden.

Zweitens, es gibt ein Hänschen, das kein Hans sein kann, weil es kein Klon ist. Denn Nachfolgen im Geschäft ist ebenso attraktiv wie Nachlaufen in der Liebe. Wer will das schon? Wir wollen vorlaufen, vordenken, anders machen, besser können! Hänschen nun darf zwar Lehr- und Wanderjahre absolvieren, aber nur, um zu erkennen, dass es zu Hause am schönsten ist und da die Größten leben. Und so, wie wir anderen wenigstens nur im Job ein MBA, eine Planstelle oder ein Kostenfaktor sind, ist Hänschen zu Hause rund um die Uhr kein Mensch, also Sohn oder Bruder, sondern Stammhalter oder Konkurrent.

Dass aus Hänschen ein Hans wird, ist von daher also eher unwahrscheinlich. Und weil das so ist, können wir, die wir keinen Familienbetrieb oder Thron erben, eigentlich froh sein. Uns stehen alle Türen offen wie im Kinderreim: "Hänschen klein, ging allein, in die weite Welt hinein". Werden wir ein Hans: gut! Werden wir keiner: auch egal!

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin

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