Faktor Mensch: Wer will schon einfach sein. Seien Sie chaotisch!

Faktor Mensch
Wer will schon einfach sein. Seien Sie chaotisch!

Als Kontrapunkt zur überaus erfolgreichen Ratgeberreihe „Simplify Your Life“ möchte ich ein Plädoyer für unser komplexes und widersprüchliches Menschsein halten.
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Schütteln Sie Ihren Kopf bitte weiter! Wundern Sie sich weiter über Ihren Nachbarn, der, fünf Minuten nachdem er mit Manschetten und Einsteck und dem A8 in die heimische Garage gefahren ist, in Jogginghose, mit der Bierflasche in der einen und dem Junior an der anderen Hand wieder auf der Terrasse auftaucht. Oder über Ihren Kollegen, der für die Organisation seines Privatlebens (Flickenteppich-Familie, Tennisklub-Kassenwart) eine Sekretärin einstellen müsste.

Oder über sich selbst, wenn Sie, der die schönen Künste, den guten Ton und die feinen Sitten schätzt, sich bei jedem Boxkampf im Fernsehen vergessen und fasziniert sind von Blut, Schweiß und gebrochenen Knochen. Oder wenn Sie als Controller, der Sie beruflich sind, keine Haushaltskasse führen, bei Lebensmitteln oder Kleidung nie die Preise vergleichen und weder Strom- noch Kreditkartenabrechnungen kontrollieren.

Schütteln und wundern Sie sich weiter. Leben Sie Ihr Leben so vielfältig und chaotisch, wie es ist – alles andere wäre langweilig und gewöhnlich. Und lassen Sie sich bitte nicht kirre machen von Vereinfachungsverführern. Ja, als Kontrapunkt zu der überaus erfolgreichen Ratgeberreihe „Simplify Your Life“ möchte ich mal ein Plädoyer für unser komplexes und widersprüchliches Menschsein halten.

Denn erstens sind wir, die Menschen, kein standardisierbares Massenprodukt – mit vielleicht noch einer Corporate Identity für unsere Nationalität und/oder unseren Berufsstand. Anders als beim iPod gilt bei uns, zweitens, auch nicht „less is more“, sondern „more is more“. Und drittens wollen und sollen wir ja auch keine Büroklammer, keine Sicherheitsnadel sein, wo Form und Funktion übereinstimmen und bestechend einfach sein müssen. „Du bist ja ne Marke!“ – das ist ein Spruch, den wir anbringen, wenn uns jemand einzigartig vorkommt. Und viertens, viele erfolgreiche Menschen führen ein alles andere als einfaches Leben. Ferdinand Piëch ist nicht nur bezüglich Autos nimmersatt, ihn halten auch zwölf Kinder und dazugehörige Frauen auf Trab. Oder Guido Westerwelle: Der Außenminister ist nicht mehr alleinreisender Junggeselle, sondern offiziell verpartnert. Oder Ursula von der Leyen. Sie hat nicht nur sieben Kinder, sondern auch noch Millionen Arbeitslose, um die sie sich kümmern muss. (Ob Ihnen diese drei jetzt als Vorbilder dienen, überlasse ich mal Ihnen …)

Unsere Widersprüchlichkeit darf natürlich nicht ausufern: der Risk-Manager einer Versicherung, der spielsüchtig wird, der katholische Priester, der fünf Kinder hat, der Wetterexperte (Jörg Kachelmann), der bei der Wahl der Spitznamen seiner Geliebten weniger kreativ ist (alle hießen „Lausemädchen“) als bei der Benennung von Tiefdruckgebieten. Kein einfacher Mensch und ein Polarisierer par excellence war übrigens Franz Josef Strauß. Er hat den schönen Satz gesagt: „Everybody's Darling ist everybody's Depp!“

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin

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