Fed/Inflation
Ketzerei auf der Constitution Avenue

Findet US-Notenbankchef Ben Bernanke ein bisschen Inflation gut? Fast lassen die jüngsten Steigerungen bei den US-Preisen diesen Schluss zu. Gewöhnlich gilt die Inflation als zu destruktiv, als dass die Fed sie tolerieren könnte. Aber angesichts der konkurrierenden Aufgaben der Fed könnten Bernanke und seine Kollegen den Preisauftrieb dulden, wenn er dabei hilft, den Immobilienmarkt aus seiner Abwärtsspirale zu befreien.

Eine der Hauptaufgaben der US-Notenbank Federal Reserve ist es, die Preisstabilität zu gewährleisten. Daher erscheint es fast schon ketzerisch, wenn man andeutet, dass der Chairman der Fed, Ben Bernanke, bereit sein könnte, ein bisschen Inflation gut zu heißen. Aber Bernanke ist gleichzeitig auch der Lenker des amerikanischen Bankensystems und damit, zu einem gewissen Ausmaß, auch der Wirtschaft. Während die Teuerung zwar zu einer ungerechten Verteilung von Belohnung und Strafe führt und sowohl wirtschaftlich destruktiv als auch schwer ausrottbar ist, könnte die Fed dennoch zu dem Entschluss gelangen, einen Preisauftrieb bis zu einem gewissen Grad zu tolerieren, wenn er dabei hilft, den Immobilienmarkt - und darüber hinaus die Wirtschaft - aus der Abwärtsspirale zu befreien.

Natürlich würden Bernanke und seine Kollegen steigende Preise niemals explizit billigen - zu Recht. Das wäre gegen jede Erfahrung der vergangenen, fast vierzig Jahre, die in den inflationären Feuern der Ölschocks Anfang der siebziger Jahre und durch die nachfolgenden, eine Rezession auslösenden Zinserhöhungen durch den damaligen Fed-Chairman Paul Volcker geprägt wurde. Aber das Bestreben der Fed, die lahmende Wirtschaft nicht mit deutlich höheren Zinsen zu torpedieren, könnte es den Preisen gestatten, trotzdem weiter vorzurücken.

Dies würde die Arbeiter auf den Plan rufen, die lautstark Lohnerhöhungen einfordern - was nach dem Anstieg der Verbraucherinflation im Juli um 5,6 Prozent auf Jahresbasis ohnehin zu erwarten ist. Höhere Einkommen würden die jetzt überteuerten Häuser erschwinglicher machen und die Hypothekenzahlungen weniger belastend. Natürlich wird damit rücksichtsloses Verhalten seitens der Hauskäufer und einiger Subprime-Profiteure belohnt. Aber angesichts des Schadens, den die Immobilienkrise innerhalb der Gesamtwirtschaft angerichtet hat, dürften Fragen der moralischen Gefährdung bei den Überlegungen der Fed eine untergeordnete Rolle spielen.

Die Inflation wird ihren Tribut vor allem von den Kreditanbietern und denjenigen, die von festen Einkünften leben, fordern. Allerdings dürfte der Wertverlust für die Inhaber von Hypothekendarlehen ein wenig durch niedrigere Ausfallquoten abgeschwächt werden, während die Nöte der Ruheständler durch eine Erholung der Immobilienpreise ausgeglichen werden könnten, wenn auch nur nominal.

Um für den Immobilienmarkt die beste Wirkung zu erzielen, muss die Fed allerdings in der Öffentlichkeit ihre harte Linie beibehalten. Wenn die Kapitalgeber befürchteten, die Fed gebe nach, könnten sie Schritte einleiten, um sich selbst zu schützen. Sie könnten dann den heilsamen Effekt der Teuerung auf den Immobiliensektor dadurch unwirksam machen, dass sie die Kreditvergabe weiter verknappen und für Darlehen mehr berechnen.

Bernanke und seine Kollegen haben ihre Wortwahl in den vergangenen Monaten verschärft, wenn es um die Inflation ging. Aber die anhaltende Verschlechterung der Lage auf dem Immobilienmarkt und, als Folge davon, auf dem Bankensektor hat sie davon abgehalten, Maßnahmen zu ergreifen, um gegen die Inflation vorzugehen. Wenn sie der Meinung sind, dass es sich lohnt, zu einem gewissen Ausmaß den Aufwärtsdrang bei den Preisen und Löhnen auszuhalten, um damit eine Stabilisierung auf dem Immobilienmarkt zu erreichen, könnte sich ihre Pose der Machtlosigkeit als zweckmäßig erweisen. Wie es die Jahre unter Fed-Chef Volcker gezeigt haben, ist es jedoch schmerzhaft, eine aus dem Ruder gelaufene Inflation im Keim zu ersticken. Die Fed sollte nicht vergessen, dass sie mit dem Feuer spielt.

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