Fiat
Angriff über die Flanke

Die deutschen Gesetzgeber, die mit dem Schicksal von Opel betraut sind, sollten die Politik hinten an stellen und sich nüchtern über die Überkapazitäten der Auto-Industrie klar werden. Die von Fiat-Chef Sergio Marchionne vorgeschlagene Dreierfusion zwischen Fiat, Chrysler und Opel ist riskant und gewagt. Aber sie stellt für Opel gleichzeitig die beste Chance dar, langfristig überleben zu können.
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Die deutschen Gesetzgeber, die über das Schicksal der GM-Tochter Opel entscheiden müssen, sollten das Außergewöhnliche wagen: Sie sollten einmal die Politik beiseite lassen. Um die langfristige Überlebensfähigkeit von Opel bei der Herstellung von Autos für die breite Masse zu gewährleisten, müssen aus dem europäischen Markt Kapazitäten herausgenommen werden. Basierend auf den zugegebenermaßen nur punktuell nach außen dringenden Informationen über die vorgeschlagenen Offerten für Opel, könnte die von Fiat geplante Fusion diesen Weg noch am besten absichern. Auch wenn diese Lösung vielleicht weitere Stellenkürzungen nach sich zieht, sollten die Politiker sie unterstützen.

Regierungsvertreter von der Bundeskanzlerin Angela Merkel abwärts stecken in der Klemme. Die Frist der US-Regierung für die Opel-Mutter GM, entweder einen Sanierungsplan oder den Insolvenzantrag einzureichen, läuft am 1. Juni ab. Die deutsche Seite muss also vor diesem Termin entscheiden, ob die Zukunft von Opel dem amerikanischen Insolvenzverfahren überantwortet werden soll, oder ob die Bundesregierung eine der drei an Opel interessierten Gruppen - Fiat, Magna oder die Beteiligungsgesellschaft RJH - mitfinanziert. Gleichzeitig stehen aber auch Wahlen an, in Europa und in Deutschland.

In einem Wahljahr den Abbau von Arbeitsplätzen zu verantworten, ist hart. Auf dieser Basis dürfte es nicht schwer fallen, sich zwischen Fiat und Magna - den beiden glaubwürdigsten Bietern - zu entscheiden. Aus Sicht der Politiker wäre natürlich der Vorschlag von Magna über einen begrenzten Abbau der 25 000 Stellen bei Opel und eine Kapitalspritze über 700 Mill. Euro vorzuziehen. Fiat will dagegen gar keinen Cash ins Spiel bringen und europaweit 10 000 Mitarbeiter entlassen.

Doch letztendlich liegt die Hauptschwierigkeit der europäischen Auto-Industrie in einer Überkapazität von 30 bis 40 Prozent. Auf den ersten Blick erschließt sich nicht, wie ein Verkauf an den kanadischen Zulieferer Magna dieses Problem eindämmen soll. Der europäische Automarkt ist in den ersten vier Monaten des Jahres um 16 Prozent geschrumpft. Der Vorstoß nach Russland, den Magna verspricht, kann diesen Rückgang nicht nennenswert ausgleichen, besonders nicht angesichts der jüngsten Schwierigkeiten auf dem russischen Markt. Die Gefahr bei dem Magna-Deal liegt also darin, dass Opel in zwei Jahren immer noch ein unterdurchschnittlicher unabhängiger Autoproduzent ist, der weiterhin auf dem Heimatmarkt Anteile aufsaugt.

Der Plan, den der Fiat-Chef Sergio Marchionne präsentiert hat, ist riskant und gewagt. Fiat ist bereits mit Chrysler beschäftigt. Die Fertigungs- und Distributionsplattformen des US-Produzenten so umzustellen, dass Fiat-Modelle vom Band rollen können, könnte gut und gerne mindestens fünf Jahre dauern. Eine Fusion von Opel und Fiat würde viel weniger Zeit verschlingen und Synergien von etwa einer Mrd. Euro hervorbringen.

Doch das ist nicht der Hauptanziehungspunkt für die Gesetzgeber in Deutschland und anderswo in Europa. Eine Dreierfusion aus Fiat, Chrysler und Opel würde einen Umsatz von 100 Mrd. Euro schaffen, sechs Mill. Autos produzieren und einen Marktanteil von zehn Prozent erreichen. Diese Größenordnung gäbe dem Gebilde eine reale Aussicht, rentabel auf dem Weltmarkt konkurrieren zu können - in Eigenregie hat dies keines der drei Unternehmen geschafft.

Die Entscheidung ist nicht nur für Opel und Deutschland Ausschlag gebend. Die deutschen Staatsbeihilfen über drei Mrd. Euro, die bei einem Opel-Deal fließen sollen, würden Fiat finanziell stützen. Aber anders als Opel verfügt Fiat in der Tat noch über andere langfristige Optionen. Auch wenn dies derzeit jeder Intuition zuwider laufen mag, könnte Marchionne jenseits der Grenze ein besseres Geschäft auftreiben - mit Peugeot in Frankreich, falls es ihm nicht gelingt, sich Opel zu sichern.

Die deutschen Politiker mögen jetzt ein paar Jobs retten, wenn sie Magna unterstützen. Doch die Lage könnte für sie noch verzwickter werden, wenn Opel in ein paar Jahren von den Flanken aus angegriffen wird.

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