Finanzen
Noch kann sich Geithner nicht zurücklehnen

Der US-Finanzminister hat sicher Recht, “der weltweite Sturm lässt ein wenig nach”. Berge von Liquidität haben den Zusammenbruch des Kreditsystems verhindert. Aber Geithners Kollegen aus den G8 sollten sich bei ihrem Treffen am kommenden Wochenende ein paar ernste Fragen stellen. Gleich die erste könnte lauten: Wie finden wir von hier wieder zurück zur Normalität?
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Tim Geithners Puls hat sich beruhigt. Der US-Finanzminister sprach am Dienstag bei einem Pressegespräch davon, dass "die Stärke des weltweiten Sturms ein wenig nachlässt". Er möchte das G8-Treffen mit seinen Finanzministerkollegen am Freitag im italienischen Lecce für eine Bestandsaufnahme nutzen und besprechen, was als Nächstes zu tun ist. Das klingt schon viel entspannter als einen Finanzkollaps zu verhindern-der wichtigste Tagesordnungspunkt noch vor drei Monaten.

Ein kurzer Blick auf die Finanzmärkte reicht, um Geithner Recht zu geben. Die Aktienkurse sind gestiegen, die Kreditspannen haben sich verringert und der Ölpreis hat sich seit seinem Tief nahezu verdoppelt. Die US-Banken haben es geschafft, der US-Regierung bereits wieder 68 Milliarden Dollar zurückzuzahlen. Bei den Arbeitslosenzahlen und beim Konsum gibt es dagegen nur spärliche Hinweise auf eine Entspannung, allerdings hat sich das Abwärtstempo seit den katastrophalen Zahlen im ersten Quartal deutlich verlangsamt.

Die Verbesserung lässt sich fast genauso leicht begründen wie sie zu beobachten ist. Unter der Führung der USA sanken die Zinsen weltweit auf ein Minimum, die Haushaltsdefizite expandierten deutlich und die Zentralbanken halfen, wo sie konnten. Diese Kombination sorgte dafür, dass Liquidität haufenweise und für wenig Geld oder ganz umsonst zur Verfügung stand, um angeschlagene Unternehmen am Leben zu erhalten. So konnte nicht nur die beängstigende Spirale der Finanzpleiten durchbrochen werden, sondern auch die Vermögenswerte erhielten durch die reichlich vorhandene Liquidität wieder Auftrieb.

Und dennoch wird der Finanzminister vielleicht den Wunsch verspüren, bei einer der wunderschönen Barockkirchen Lecces haltzumachen und um göttlichen Beistand zu bitten. Denn trotz der Entspannungszeichen steht er immer noch vor einer fast übermenschlichen Herausforderung. Geithner will die Wirtschaft nach eigenen Worten wieder in den Wachstumsmodus bringen. Aber das viel größere Problem verursachen die Finanzen: Wie findet man aus der heutigen Situation zurück zur Normalität? Werden die geldpolitischen Zügel zu schnell angezogen, könnten die Banken zurück in die Krise fallen. Agieren die Politiker zu langsam, kann die Geldschwemme zu unerwünschter Inflation führen. Verlieren gar ausländische Investoren ihr Vertrauen in den Dollar, lauern überall Probleme.

Und Normalität erfordert sogar noch mehr, als die Fähigkeit durch dieses allein schon schwierige Terrain zu navigieren. Im Kreditboom stiegen die Schulden zu stark an, in der anschließenden Finanzkrise wuchs der Schuldenberg durch die Emission staatlicher Schuldpapiere noch schneller. Vielleicht beschäftigt Geithner auf dem Flug nach Italien auch die Frage, wie er die Schuldenlast wieder loswerden soll.

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