Finanzjobs
Leere Schreibtische

Welche Stadt wird von den Entlassungen im Finanzsektor stärker getroffen – London oder New York? Beide Metropolen erwarten heftige Stellenkürzungen bei den Banken. Die britische Hauptstadt mag zwar jüngst aufgeholt haben, aber die am stärksten von der Kreditkrise verwüsteten Gebiete liegen in der Wall Street. Und die Londoner City könnte noch eher von den Finanzbereichen profitieren, wo immer noch etwas vorangeht. Alles in allem, wird Manhattan das Rennen wohl verlieren.

Michael Bloomberg, der milliardenschwere Bürgermeister von New York City, hatte sich im vergangenen Jahr Sorgen darüber gemacht, dass London als Finanzzentrum der Welt vielleicht am Big Apple vorbeizieht. Einige waren ohnehin der Meinung, dass dies längst geschehen war - auch weil Londons Kapitalpool vergleichsweise tief und liquide erschien und so die Emissionen von Wertpapieren und die Fusionen in Europa die USA von ihrem Spitzenplatz verdrängten. Die transatlantische Verschiebung zugunsten von London könnte durch die Kreditkrise noch mehr an Fahrt gewinnen. Zumindest was die Stellenverluste im Investment Banking angeht, sieht es so aus, als ob die Wall Street stärker leiden wird als die Londoner Square Mile und die Canary Wharf.

Es wird nicht mehr lange dauern, dann werden auf den Straßen beider Städte eine Menge Banker und andere Finanzgenies mit den Entlassungspapieren in den Taschen ihrer Nadelstreifenanzüge herumwandern. Erste Schätzungen legen nahe, dass in jeder Metropole rund 20 000 Stellen im Wertpapiersektor gestrichen werden. Und man kann ohne weiteres davon ausgehen, dass diese Zahlen nach oben revidiert werden. Allein zwei Firmen – Bear Stearns, die jetzt bei JPMorgan Chase untergeschlüpft ist, und ABN Amro, die jüngst von der Royal Bank of Scotland und anderen gekauft wurde – erwarten schon jeweils mindestens 7 000 Entlassungen.

Wall Street-Banker sind allerdings aus mehreren Gründen noch größeren Risiken ausgesetzt. Zum einen waren die Kredite – obwohl auch britische und andere europäische Banken von den Schwierigkeiten mit US-Hypothekenanleihen zweitklassiger Bonität betroffen sind – von amerikanischen Gegenspielern initiiert und meistens von Bankern gebündelt worden, von deren Büros aus man den Hudson oder den East River und nicht die Themse sehen kann. Ganz ähnlich verhält es sich auch bei den Übernahmefinanzierungen: Ein viel größerer Anteil des amerikanischen Deal-Volumens hing von Private-Equity-Buyouts ab.

Und zweitens hat London einen kleinen Vorteil hinsichtlich der Geschäftsbereiche, wo immer noch die Musik spielt. Beide Städte werden von der Widerstandsfähigkeit auf den Gebieten Rohstoffe, Währungen, Zinsen und bei der Prime Brokerage, also dem Handel, der Wertpapierleihe und der Verrechnung für Hedge Fonds, profitieren. Aber russische Bergwerksgesellschaften, die an die Börse wollen, und Staatsfonds aus dem Mittleren Osten, die ihre Petrodollar ausgeben wollen, werden sich eher an die Londoner City wenden.

Und schließlich hatten viele US-Investmentbanken ohnehin schon einige ihrer Abteilungsleiter und andere Spitzenmanager von New York nach London umgesiedelt. Dieser Prozess könnte sich beschleunigen. Das bedeutet, dass diejenigen an der Wall Street, die nicht gefeuert werden, vielleicht ihren Koffer packen müssen – was dem Big Apple noch mehr leere Schreibtische beschert.

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