Finanzkrise
Echo aus Weimar

Deutschland hat kleinere Konjunkturpakete geschnürt und weist geringere Defizite aus als andere große Volkswirtschaften. Dadurch ist die Wirtschaft zwar tiefer abgesackt, aber zugleich bestand immer noch die Hoffnung auf eine robustere Erholung. Leider hat Bundeskanzlerin Merkel Recht, wenn sie befürchtet, dass eine Inflation die Deutschen um die Früchte ihres rigiden Sparkurses bringen könnte.
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Deutschland könnte sich mit seinem rigiden fiskalpolitischen Kurs zwar große Qualen auferlegen, aber kaum davon profitieren. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat jüngst dagegen gewettert, dass andere Länder zu großzügig verfahren, während Deutschland sich mit kleineren Konjunkturpaketen begnügt und geringere Defizite angehäuft hat.

Das hat zur Folge, dass die deutsche Wirtschaft tiefer in die Rezession abgesackt ist als die der meisten anderen Länder. Normalerweise müsste eine solche relative fiskalpolitische Rechtschaffenheit denn auch mit einer ausgeglicheneren und gesünderen Erholung belohnt werden. Doch die Bundeskanzlerin hat Recht, wenn sie befürchtet, dass die quantitative Lockerung der Zentralbanken eine schnell voranschreitende globale Inflation nach sich ziehen und so die Deutschen um die Früchte ihrer Sparanstrengungen bringen könnte.

Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist im ersten Quartal zu einer Jahresrate von 14,4 Prozent geschrumpft. Das Gremium von Volkswirten des "Economist" erwartet für 2009 einen BIP-Rückgang in Deutschland von 5,2 Prozent. Der Wirtschaftsabschwung im ersten Quartal war damit ausgeprägter als in den USA mit minus 6,1 Prozent, in Großbritannien mit minus 7,4 Prozent oder in Frankreich mit minus 4,7 Prozent. In allen diesen Ländern waren umfangreichere Konjunkturmaßnahmen eingeleitet worden. Da aber davon ausgegangen wird, dass das deutsche Budget-Defizit 2009 nur 4,4 Prozent des BIP erreichen wird, sollten sich nur geringe "Ausgrenzungseffekte" gegenüber privaten Investitionen einstellen. Die Annahme ist also berechtigt, dass die Erholung in Deutschland folglich robust ablaufen sollte.

Die Kontrolle über die Geldpolitik hat Deutschland der Europäischen Zentralbank (EZB) übertragen. Merkel scheint auch kaum etwas an der Zinspolitik der Notenbanker auszusetzen haben. Ihr Kurzfristsatz von einem Prozent bringt immer noch einen positiven realen Zins hervor, wenn man zum Vergleich die für Deutschland im Jahr 2009 erwartete Inflation von 0,2 Prozent heranzieht. Aber Merkel befürchtet, dass die EZB mit dem Kauf von staatlich garantierten Vermögenswerten mit der ernsten Gefahr einer zukünftigen Teuerung flirten könnte. Die Erfahrungen aus der Weimarer Republik, als zwischen 1919 und 1923 rund 50 Prozent der öffentlichen Ausgaben monetisiert wurden, was zu einer Billiarden-Abwertung führte, haben zwar die wenigsten Deutschen noch am eigenen Leib erlebt. Aber die deutschen Volkswirte haben die Lektion nur zu gut verstanden.

Die EZB hat sich der quantitativen Lockerung konservativer genähert als die Bank of England oder die Federal Reserve. Die Bilanz der Frankfurter Währungshüter hat sich im vergangenen Jahr nur um 376 Mrd. Euro ausgeweitet gegenüber einem Zuwachs um 1,2 Bill. Dollar bei der Fed. Merkel forderte andere Zentralbanken zu einer Kehrtwende und zur Rückkehr zu einem "unabhängigen und vernünftigen" geldpolitischen Kurs auf. Vom Standpunkt Deutschlands aus gesehen, hat sie dazu gute Gründe. Deutschland könnte von einem Aufleben der globalen Inflation befallen werden, obwohl das Land selbst politisch umsichtig gehandelt hatte.

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