„Flohzirkus“
Vom Sinn europäischer Stresstests

Die nationalen Bankaufsichtsbehörden der EU planen, ihre Bankensysteme eigenen Stresstests zu unterziehen, sobald sie sich über eine einheitliche Methode geeinigt haben. Aber diese Simulationen setzen nicht bei den einzelnen Banken an und die Ergebnisse werden nicht veröffentlicht. Worin also ihr Sinn liegen soll, ist schwer nachvollziehbar.
  • 0

Die Vögel tuns es, die Bienen tun es, warum also sollte nicht auch Europa seine eigenen Stresstests durchführen? Die EU-Finanzaufsichtsbehörden wollen nach eigener Aussage berechnen, wie anfällig ihre Bankensysteme auf die toxischen Vermögenswerte in den Bilanzen ihrer Kreditinstitute reagieren und wie viel frisches Kapital die Banken der Eurozone infolgedessen zur Risikovorsorge brauchen. Aber die Stresstests der Marke Europa können nur Wirkung zeigen, wenn sie eine Reihe von Kriterien erfüllen, die sie allem Anschein nach nicht erfüllen können.

Erstens, die Testergebnisse müssen öffentlich gemacht werden. Interne Stresstests gibt es schon seit Langem. Aufsichtsbehörden und Banken stützen sich darauf. Der einzige Grund, jetzt Werbung für solche Simulationen zu machen, besteht darin, Anleger und Märkte zu beruhigen. Selbst wenn einige Informationen durch undichte Stellen sickern, weckt das öffentliche Schweigen eher Ängste, als dass es beruhigt. Hinzu kommt, dass die europäischen Tests mindestens vier Monate dauern sollen. Die lange Wartezeit wird jeden erlösenden Effekt verwischen.

Zweitens, die Tests müssen die großen Unterschiede zwischen den europäischen Banken berücksichtigen. Der Anteil der drei verschiedenen Problemkategorien - US-Wertpapiere, rezessionsgeschädigte Darlehen und Ost-Europa-Kredite - an den Vermögenswerten der Banken schwankt von Land zu Land erheblich. Die europäischen Behörden denken jedoch an einen aggregierten Stresstest, keine Bank-für-Bank-Simulation. Aber wer braucht schon eine weitere Schätzung darüber, wie stark die Banken der Region insgesamt in toxischen Krediten exponiert sind?

Und schließlich müssen die Behörden das Problem lösen, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Es ist schon einigermaßen überraschend, dass es bisher keinen europäischen Standard gibt, um Verluste und Kapitalquoten zu schätzen - damit aber ist der Vergleich von beispielsweise der Tier-1-Kernkapitalquote einer Bank mit der einer zweiten wenig aussagekräftig. Zumindest will der Ausschuss der europäischen Bankenaufsichtsbehörden eine einheitliche Methode erarbeiten, bevor die einzelnen Länder darangehen, ihre Stresstests durchzuführen. Wenn es Europa also gelingt, die nationalen Regulierer dazu zu bewegen, gemeinsam zu handeln, wäre das allein schon ein Fortschritt.

Kommentare zu " „Flohzirkus“: Vom Sinn europäischer Stresstests"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%