Folgen der Finanzkrise
Was uns zwei Jahre Finanzkrise lehren

Seit die Blase im August 2007 platzte, ist jedem klar, dass Ungleichgewichte auf Dauer Schaden anrichten, Schulden riskant sind und die Globalisierung koordiniert werden muss. Aber aus der Erkenntnis folgten bisher zu wenige Anpassungsmaßnahmen. Solange sich das nicht ändert, könnte schon bald die nächste Rezession folgen.
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Zunächst war es nur eine Finanzkrise. Als im August 2007 der Sekundärmarkt für zweitklassige Hypothekendarlehen in den USA zusammenbrach, machte sich kaum ein Volkswirt Gedanken über die möglichen Folgen. Ihre ökonometrischen Modelle enthielten in der Regel nur wenige Finanzvariablen. Außerdem gab es überall auf der Welt reiche Investoren, die bereitstanden, um den strauchelnden Banken unter die Arme zu greifen, und Zentralbanken, die die Märkte schon am Leben erhalten würden.

Im Rückblick war die Ruhe Dummheit. Die Wellen, die auf dem Finanzmarkt entstanden, zogen immer weitere Kreise und erfassten allmählich die gesamte Wirtschaft. Zwei Jahre später kämpft die Welt immer noch mit der tiefsten Rezession seit den 1930er-Jahren. Inzwischen sind die meisten Finanzmärkte wieder flott, aber die Wirtschaft der meisten Länder wächst bestenfalls langsam und die Arbeitslosenzahlen steigen weiter.

Niemand weiß, ob der aktuelle Mix aus geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen ausreicht, um die Rezession endgültig zu überwinden. Die Prognosen der Wirtschaftsanalysten haben sich als vollkommen unzuverlässig erwiesen und die Anhaltspunkte für eine wirtschaftlichen Erholung sind schwach. Aber aus der Krise lassen sich schon jetzt drei finanzwirtschaftliche Lehren ziehen.

Erstens, Ungleichgewichte beeinflussen die Wirtschaft. Solange die Inflation niedrig war und das Sozialprodukt stetig stieg, war die Welt in Ordnung. Aber die globale zweiseitige Störung – hohe Handelsbilanzüberschüsse, die in großem Stil auf den internationalen Rentenmärkten investiert wurden – trug dazu bei, dass Kredite überall zu billig wurden und die Finanzmärkte die Volkswirtschaften weltweit störungsanfällig machten. Die wachsende Diskrepanz zwischen den Preisen der Vermögenswerte und den Einkommen erwies sich zuletzt als äußerst riskant.

Zweitens, Schulden sind gefährlich. Zentralbanken, Investmentbanker und Politiker verfielen alle dem Schuldenkult. Schließlich erwischte es Unternehmen, die versuchten ihre Bilanzen "effizienter" zu gestalten – was oftmals einfach hieß Schulden aufzutürmen, um Aktienrückkäufe zu finanzieren – und Eigenheimbesitzer, die Hypothekenschulden anhäuften. Nun zeigt sich, dass es sehr viel schwieriger ist, eine Volkswirtschaft zu entschulden, als Kredite auf ihre Schultern zu laden.

Drittens, Globalisierung funktioniert nicht von allein. Die Freizügigkeit des Kapitalverkehrs hat schnelle grenzüberschreitende Kapitalbewegungen, Währungsschwankungen und Preisveränderungen auf den Rohstoffmärkten begünstigt. Im Aufschwung profitierten die Volkswirtschaften davon, aber sie wurden auch immer anfälliger für schmerzhafte Störungen. Handel verbindet Länder, aber Verschiebungen der Handelskonditionen können einen Keil zwischen sie treiben – und Wachstum in Schrumpfung verwandeln.

Alle drei Lehren lassen sich in einer Lektion zusammenfassen: hyperaktive Finanzmärkte können Wirtschaftskrisen verursachen. Traurigerweise scheinen die Wirtschaftsführer der Welt diese grundlegende Lektion bisher nicht verstanden zu haben. Während die Ungleichgewichte im Welthandel sich verringert haben, haben die Zentralbanker ihre geld- und fiskalpolitischen Stimulierungsmaßnahmen erweitert.

Eine sorgsam bedachte Wirtschaftsankurbelung war wahrscheinlich notwendig, aber die ausufernden Programme wurden initiiert, ohne große Gedanken daran zu verschwenden, wie sie denn später wieder abzubauen sind. Der Wille, eine neue globale Finanzordnung zu schaffen war vor sechs Monaten stark, scheint aber inzwischen zu verpuffen. Bleibt die Hoffnung, dass er zurückkehrt, bevor sich die nächste finanzinduzierte Rezession ankündigt.

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