Fortis
Ein Schritt nach dem anderen

Unter dem neuen Fortis-Chef Herman Verwilst klingen Aussagen zu Kreditbedingungen und Geschäftsverlauf pessimistischer als zuvor - und damit realistischer. Selbst mögliche Abschreibungen sind kein Tabuthema mehr.

Fortis scheint endlich einzuräumen, dass es Probleme gibt. Ein Jahr lang hat das Management des belgisch-niederländischen Finanzdienstleisters Zuversicht und Optimismus verbreitet, ungeachtet der überteuert eingekauften ABN-Amro-Geschäftsfelder und der hohen Kosten, die durch den Einstieg in das Geschäft mit strukturierten Finanzprodukten zu verkraften waren. Die Weigerung, der Realität ins Auge zu sehen, war einer der Gründe für den Kurssturz um 65 Prozent und den Protest der Aktionäre gegen überraschende Kapitalerhöhungen.

Der neue Interims-Vorstand, Herman Verwilst, klingt pessimistischer - und realistischer - als beide seine geschassten Vorgänger und viele verdiente Lenker anderer Banken. Am Montag sprach Verwilst über die anhaltende Kreditkrise und die schlechter werdenden Konjunkturaussichten. Fortis deutete schließlich sogar an, Abschreibungen auf die ABN-Amro-Beteiligung vornehmen zu müssen.

Die neuen Töne klingen allerdings zu spät an, um noch die Ergebnisse aus dem ersten Quartal zu beeinflussen. Der Nettogewinn fiel im Vergleich zum Vorjahr um die Hälfte. Analysten hatte zwar Schlimmeres erwartet, aber die guten Neuigkeiten betrafen allein den Versicherungsarm.

Im Bankgeschäft muss Fortis höhere Finanzierungskosten sowohl im Geschäfts- als auch im Privatkundengeschäft verkraften und sich auf zukünftige Verluste im übergroßen Portfolio aus strukturierten Kreditprodukten einstellen, das ein Volumen von 41,7 Milliarden Euro erreicht hat. Die CDOs (Collateralized Debt Obligations, durch diversifizierte Vermögensgegenstände besicherte Forderungen) wurden gerade auf 39 Cent pro Dollar abgewertet, liegen damit aber immer noch über dem Preis von 22 Cent pro Dollar, zu dem sich Merrill vor Kurzem von einem Großteil entsprechender Papiere trennte.

Und dann ist da noch die Eigenkapitalquote, die wie Fortis mit Nachdruck betonte, stabil geblieben ist. Aber die "Kernquote" von 7,4 Prozent nach Tier Eins, wirkt durch die Berücksichtigung hybrider Instrumente geschmeichelt. Fortis will seine Bilanz durch den Verkauf von Vermögensgegenständen im Wert von 3 Milliarden Euro, die nicht zum Kerngeschäft gehören, stärken und Kapital über die Begebung von Instrumenten aufnehmen, die das Eigenkapital nicht verwässern.

Beide Pläne wirken eher fragwürdig. So musste Fortis schon einen Teil seiner gewerblichen Kredite an die Deutsche Bank verkaufen und dabei einen Preis akzeptieren, der um 300 Millionen Euro hinter dem Nettovermögenswert zurückblieb. Und nach der letzten Kapitalerhöhung kann Fortis vor 2009 kein weiteres Eigenkapital aufnehmen, selbst dann nicht, wenn sich jemand zum Einstieg bereiterklären würde.

Fortis muss kämpfen. Der Finanzdienstleister gehört zu den billigsten Finanzwerten in Europa - und die Aktien gaben nach dem Ergebnisbericht noch einmal um 3 Prozent nach. Aber, wer ein Problem lösen will, muss zuerst einmal zugeben, dass er eins hat. Vielleicht ist Fortis jetzt endlich soweit, den langen Weg zur Gesundung anzutreten.

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