Französische Unternehmensführung
Die Parteilinie

Die Mitglieder des Verwaltungsrats von Veolia haben unterwürfig dem Wunsch von Henri Proglio entsprochen, den Vorsitz im obersten Gremium des Versorgungsunternehmens zu behalten, auch wenn er zum Chef der Energiegruppe EDF berufen wurde. Seine Doppelrolle wirft tief greifende Fragen zur Unternehmensführung auf. Dass niemand im Verwaltungsrat sie gestellt hat, ist typisch – und eine Schande.
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Die Pressemitteilung liest sich wie eine Verlautbarung aus dem Politbüro einer kommunistischen Diktatur aus der Sowjet-Ära: Der Entschluss der herrschenden Elite, den großen Führer zu unterstützen, fiel "einstimmig". So ist das nun mal bei Veolia, wo sich die Mitglieder des Verwaltungsrats des französischen Umweltdienstleisters den Wünschen des Chefs und Vorsitzenden des obersten Gremiums, Henri Proglio, gebeugt haben.

Der Verwaltungsrat hat den Nominierungs- und Vergütungsausschuss damit beauftragt, die Unternehmensstatuten dahingehend zu ändern, dass der neue Posten eines Verwaltungsratsvorsitzenden, der nicht hauptberuflich in der Unternehmensleitung tätig ist und der passgenau nur auf Proglio zugeschnitten ist, geschaffen werden kann. Die Verwaltungsratsmitglieder beglückwünschten den Chef gleichzeitig auf herzlichste zu seiner Ernennung zum Leiter von EDF, dem staatseigenen Stromriesen.

Es ist eine Schande, dass sich nicht einmal ein einziger Vertreter des rein aus Männern bestehenden Gremiums in der Lage dazu sah, Einwände vorzubringen - angesichts der ernsten Fragen der Unternehmensführung, die die neue Doppelrolle Proglios bei den beiden Unternehmen aufwirft. Eine große Überraschung ist dies aber nicht.

Bei Veolia hatte Proglio dafür gesorgt, dass sein Verwaltungsrat mit Freunden und Verbündeten bestückt ist, die bei den gegenseitigen Begünstigungen mitspielen würden, die in der französischen Unternehmenswelt schon lange gang und gäbe sind. Sie haben ihn in diesem entscheidenden Augenblick nicht enttäuscht.

In gewisser Hinsicht ist es zwar begrüßenswert, dass Veolia plötzlich ein Licht aufging und das Unternehmen die Vorzüge erkannt hat, die die Rolle eines nicht geschäftsführenden Verwaltungsratsvorsitzenden mit sich bringt, die vom Chefposten abgegrenzt ist. Dass die Firma dies aber erst dann realisiert, wenn Proglio - nach zehn Jahren der Alleinherrschaft - gerade geht, ist ein trauriger Verweis auf die Bereitschaft der Verwaltungsratsmitglieder von Veolia, dem scheidenden Chef zu Gefallen zu sein.

Die neue Dynamik der Situation ist bereits mit einem größeren potenziellen Interessenskonflikt belastet. Proglio will, dass die EDF ihren Anteil an Dalkia, ihrem gemeinsamen Energiedienstleister, an Veolia abgibt. Im Gegenzug soll EDF ihre Beteiligung an dem Versorger erhöhen. Aber wer entscheidet über die Bewertung des Deals? Der Käufer Proglio oder der Verkäufer Proglio?

Die 14köpfige Besetzung des Verwaltungsrat von Veolia liest sich wie das "Who?s Who" des französischen Unternehmensadels. Darunter befinden sich, zum Beispiel, die nicht geschäftsführenden Verwaltungsratsvorsitzenden von Renault und Sanofi, die Chefs von BNP Paribas und Saint-Gobain, der Leiter von Lazard Europe und der Verwaltungsratsvorsitzende der staatlichen Caisse des Depots. Sie sehen wahrscheinlich nicht einmal, wo das Problem liegt - und das an sich ist der Skandal im Skandal.

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