G20-Pläne
Der Haken am antizyklischen Kapitalsystem

Um künftige Spekulationsblasen zu vermeiden, setzt die G20 darauf, die Kapitalquoten der Banken während des Booms heraufzusetzen. Aber wie einfach wird es werden, sie während der nächsten Krise wieder zu senken? Ein antizyklisches Kapitalsystem könnte im Abschwung verstärkend wirken.
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Wie können künftige Übertreibungen vermieden werden? Eine Möglichkeit wäre es, das Bankkapital in Zeiten des Aufschwungs heraufzusetzen, um einem übermäßigen Kreditwachstum Einhalt zu gebieten. Für diese Option haben sich die G20-Vertreter auf ihrem Gipfel in London in der vergangenen Woche ausgesprochen. Im Prinzip ist dieses von den finanzpolitischen Experten so genannte "antizyklische" Kapitalsystem eine ausgezeichnete Idee. Es würde nicht nur verhindern, dass ein Boom außer Kontrolle gerät. Denn gleichzeitig könnten die Kapitalanforderungen abgesenkt werden, wenn die schlechten Zeiten zurückkehren, und so den Niedergang abfedern.

Der Haken daran ist nur, dass es für die zuständigen Behörden viel einfacher sein könnte, die Mindestkapitalquoten in einem Aufschwung anzuheben, als sie während einer Krise zu senken. In den vergangenen Monaten haben die Branchenwächter ja tatsächlich erklärt, sie hätten überhaupt nichts dagegen, wenn die Banken ihre Kapitalpolster aufzehrten - aber die Märkte haben dies vollkommen ignoriert. Die Investoren betrachten den Bankensektor und denken: Dies ist eine Krise - ihr braucht mehr Kapital, um sie zu bewältigen.

Stellen wir uns einmal vor, die Branchenwächter setzen eine Tier-1-Kapitalquote von mindestens vier Prozent fest. Während einer konjunkturellen Aufwärtsbewegung setzen sie diese auf sieben Prozent hoch. Wenn der nächste Abschwung kommt, könnten sich die Investoren aber dagegen wehren, dass die Quote unter die sieben Prozent rutscht. Ein antizyklisches Kapitalregime birgt somit das Risiko, wie ein Sperrrad zu fungieren, das sich nur in eine Richtung drehen lässt - es bremst den Aufschwung, aber beschleunigt den Abschwung. Das wäre ungeschickt.

Dies ist allerdings kein Grund, die Idee fallen zu lassen. Sie muss nur sorgfältig ausgestaltet werden. Ein besserer Ansatz wäre es, über den Zyklus hinweg eine Mindestkapitalquote zu bestimmen - aber den Banken in guten Zeiten aufzuerlegen, Vorsorge für künftige Verluste zu betreiben. Sie würden somit einen Sparvorrat anhäufen, der explizit dafür angelegt ist, ihn in Notzeiten auszugeben. Man könnte die Idee auch mit dem Motto "Zurück in die Zukunft" umschreiben. Früher hielten die Banken in ihren Bilanzen stille Reserven bereit, die eingesetzt werden konnten, wenn die tatsächlichen Verluste stiegen. In Zukunft wäre aber der Umfang eines solchen Sparvorrats vollkommen transparent.

Der Unterschied zwischen einem Notgroschen und variablen Kapitalquoten besteht nur in deren Präsentation. Wenn die Märkte vollkommen effizient funktionierten, dann würden beide Methoden zu demselben Ergebnis führen. Aber jeder weiß jetzt, dass die Märkte ineffizient sind. Eine gute Präsentation eines antizyklischen Kapitalsystems wird für seinen Erfolg Ausschlag gebend sein.

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