Gefangen in der Geldflut
Aktien: Wachstum oder Blase?

Aktien sind rund um den Globus gestiegen, aber warum? Vielleicht ist es eine vernünftige Reaktion auf wieder anziehendes Wachstum, während die Bankenpanik des letzten Jahres Geschichte zu werden scheint. Fallende Anleiherenditen legen allerdings nahe, dass ein Überschuss billigen Geldes die treibende Kraft ist. Das macht die Rally sehr zerbrechlich, und auch die Erholung.
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Aktien klettern über die Wegmarken eines Bullenmarktes. Der britische FTSE-100-Index stieg in dieser Woche über 5 000 Punkte, während der S&P-500-Index seit über einem Monat oberhalb von 1.000 Zählern rangiert. Der MSCI World Index steht auf dem höchsten Stand seit vergangenem Oktober. Aber warum nur?

Die Rally, die etwa den MSCI World Index seit seinem März-Tiefstand um 63 Prozent steigen ließ, könnte einfach nur das Ende der Bankenpanik des Jahres 2008 markieren. Angst und die plötzliche Austrocknung von Handelskrediten führten 2008 zu einem steilen Absturz der wirtschaftlichen Aktivität. Auf derartige Panik folgt aber, wie Jonathan Wilmot von Credit Suisse hervorhebt, typischerweise als Erstes eine starke Erholung der Wirtschaftsleistung.

Außerhalb des Finanzsektors scheint das Schlimmste überstanden. In den meisten Regionen der Welt wird im dritten Quartal ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes erwartet. Aktieninvestoren preisen derzeit vielleicht einfach nur viele darauf folgende stärkere Quartale ein.

Wenn es eine Erholung der Wirtschaftsaktivität gibt, fühlt sich diese aber eher so an, als würde ein Patient nach langer Operation unter der beruhigenden Wirkung einer Vollnarkose zitternd erwachen. Der am Mittwoch veröffentlichte Konjunkturbericht der US-Notenbank, das "Beige Book", zeigt stagnierende Einzelhandelsumsätze, eine schwache Nachfrage nach Gewerbeimmobilien und eine noch immer zurückgehende Bautätigkeit. Der Baltic Dry Index, ein Indikator für das weltweite Handelsvolumen, fiel seit Juni um 42 Prozent.

Was zurückkam, vielleicht sogar zurückflutete, ist finanzielle Liquidität. Sebastian Becker von der Deutschen Bank rechnet vor, dass die Überschussliquidität, also das zum Kauf von Finanzanlagen verfügbare Geld, sich in den letzten Monaten schneller erhöhte als zu irgendeinem Zeitpunkt in den letzten zwei Jahrzehnten. Dieses billige, nach Anlagezielen suchende Geld erklärt den Kursanstieg und Renditerückgang bei Staatsanleihen. Es hilft auch beim Verständnis steigender Goldpreise, der Einengung von Risikoaufschlägen und der Stabilität des Ölpreises trotz wachsender Lagerbestände.

Jede Rally, die mehr mit reinen Geldflüssen als mit vorausahnenden Investoren zu tun hat, steht auf wackligen Füßen. Würde das Geld knapper oder Bares in großem Stil gehortet, könnte sie zu Ende sein. Solange das Finanzsystem Geld nicht auf normalem Wege und ohne riesige Unterstützung der Regierungen verteilen kann, wird auch die wirtschaftliche Erholung äußerst zerbrechlich bleiben.

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