_

Gefangen in der Geldflut: Aktien: Wachstum oder Blase?

Aktien sind rund um den Globus gestiegen, aber warum? Vielleicht ist es eine vernünftige Reaktion auf wieder anziehendes Wachstum, während die Bankenpanik des letzten Jahres Geschichte zu werden scheint. Fallende Anleiherenditen legen allerdings nahe, dass ein Überschuss billigen Geldes die treibende Kraft ist. Das macht die Rally sehr zerbrechlich, und auch die Erholung.

von Edward Hadas (breakingviews.com)

Aktien klettern über die Wegmarken eines Bullenmarktes. Der britische FTSE-100-Index stieg in dieser Woche über 5 000 Punkte, während der S&P-500-Index seit über einem Monat oberhalb von 1.000 Zählern rangiert. Der MSCI World Index steht auf dem höchsten Stand seit vergangenem Oktober. Aber warum nur?

Anzeige

Die Rally, die etwa den MSCI World Index seit seinem März-Tiefstand um 63 Prozent steigen ließ, könnte einfach nur das Ende der Bankenpanik des Jahres 2008 markieren. Angst und die plötzliche Austrocknung von Handelskrediten führten 2008 zu einem steilen Absturz der wirtschaftlichen Aktivität. Auf derartige Panik folgt aber, wie Jonathan Wilmot von Credit Suisse hervorhebt, typischerweise als Erstes eine starke Erholung der Wirtschaftsleistung.

Außerhalb des Finanzsektors scheint das Schlimmste überstanden. In den meisten Regionen der Welt wird im dritten Quartal ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes erwartet. Aktieninvestoren preisen derzeit vielleicht einfach nur viele darauf folgende stärkere Quartale ein.

Wenn es eine Erholung der Wirtschaftsaktivität gibt, fühlt sich diese aber eher so an, als würde ein Patient nach langer Operation unter der beruhigenden Wirkung einer Vollnarkose zitternd erwachen. Der am Mittwoch veröffentlichte Konjunkturbericht der US-Notenbank, das "Beige Book", zeigt stagnierende Einzelhandelsumsätze, eine schwache Nachfrage nach Gewerbeimmobilien und eine noch immer zurückgehende Bautätigkeit. Der Baltic Dry Index, ein Indikator für das weltweite Handelsvolumen, fiel seit Juni um 42 Prozent.

Was zurückkam, vielleicht sogar zurückflutete, ist finanzielle Liquidität. Sebastian Becker von der Deutschen Bank rechnet vor, dass die Überschussliquidität, also das zum Kauf von Finanzanlagen verfügbare Geld, sich in den letzten Monaten schneller erhöhte als zu irgendeinem Zeitpunkt in den letzten zwei Jahrzehnten. Dieses billige, nach Anlagezielen suchende Geld erklärt den Kursanstieg und Renditerückgang bei Staatsanleihen. Es hilft auch beim Verständnis steigender Goldpreise, der Einengung von Risikoaufschlägen und der Stabilität des Ölpreises trotz wachsender Lagerbestände.

Jede Rally, die mehr mit reinen Geldflüssen als mit vorausahnenden Investoren zu tun hat, steht auf wackligen Füßen. Würde das Geld knapper oder Bares in großem Stil gehortet, könnte sie zu Ende sein. Solange das Finanzsystem Geld nicht auf normalem Wege und ohne riesige Unterstützung der Regierungen verteilen kann, wird auch die wirtschaftliche Erholung äußerst zerbrechlich bleiben.

  • Kommentare
Euro-Zone: Deutschland muss Härte und Umsicht zeigen

Deutschland muss Härte und Umsicht zeigen

Während sich Banken, Unternehmen und Verbraucher sich akribisch auf den möglichen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone vorbereiten, spielt die Politik den eventuellen Fall runter. Das wird nicht lange gut gehen.

Kommentar: Symptom für eine schwerkranke Euro-Zone

Symptom für eine schwerkranke Euro-Zone

Weil die Investoren nach sicheren und liquiden Anlagen gieren, muss der Bund für eine neue Anleihe keinen Cent an Zinsen zahlen. Das freut den Fiskus. Gleichzeitig ist es Symptom für eine schwerkranke Euro-Zone.

  • Kolumnen
Was vom Tage bleibt: Die Tage des „Bankjogs“ nahen

Die Tage des „Bankjogs“ nahen

In Spanien mehren sich Krisensymptome, sodass Banker über den gefürchteten „Bankrun“ nachdenken. Ganz so schlimm wird es nicht. Allerdings ist auch die Vatikanbank mit sich selbst nicht im Reinen. Der Tagesbericht.

Weimers Woche: Hollande will den Schuldensozialismus

Hollande will den Schuldensozialismus

Europas Süden will unter Führung des französischen Präsidenten Wachstum erzwingen - am liebsten durch neue Kredite, die Deutschland bezahlt. Hollandes Strategie ist unverschämt - und führt geradewegs in den Abgrund.

Handelsblog Feuert die Dicke Bertha in die falsche Richtung?

Ein Kernproblem im Euro-Raum ist, dass es in den Krisenstaaten einen gefährlichen Link gibt zwischen dem Bankensystem und den Staatsfinanzen dieser Länder. Geldinstitute in Griechenland, Spanien, Irland und anderen Ländern stehen mit dem... Von Olaf Storbeck. Mehr…

Handelsblog Das Versagen von Bayern München, ökonomisch erklärt

Der Ausgang des Champions-League-Finales ist nicht nur peinlich für die Bayern, sondern auch für mich persönlich. Ausgehend vom Marktwert der Spieler hatte ich prognostiziert, dass Bayern gewinnen wird - weil die Mannschaft rund 30% mehr... Von Olaf Storbeck. Mehr…

  • Gastbeiträge
Gastbeitrag: Gut gemacht, Chefin!

Gut gemacht, Chefin!

Angela Merkel führt ihre Regierung, wie es in der Wirtschaft gang und gäbe ist. Und doch hagelt es Kritik. Dabei handelt Merkel nur wie ein Manager. Endlich mal - sagt einer der bekanntesten Headhunter Deutschlands.

Otmar Issing: Keine Experimente mit der Inflation

Keine Experimente mit der Inflation

Um zu überleben muss die Währungsunion zum Gleichgewicht zurückfinden. Von Deutschland zu fordern, die eigene Wettbewerbsstärke zu verwässern, ist aberwitzig. Aber es gibt andere Lösungen.

Gastkommentar : Was Frauen aus der 80ern lernen sollten

Was Frauen aus der 80ern lernen sollten

Die Erfahrung zeigt, dass wesentliche Veränderungen in Gesellschafts- und Unternehmensstrukturen nicht durch Quoten zu regeln sind, sondern durch Bewusstseinsprozesse. Vor allem aus den 80er-Jahren kann man viel lernen.

  • Presseschau
Presseschau: „Spaniens Tage sind gezählt“

„Spaniens Tage sind gezählt“

Die Verstaatlichung der spanischen Großsparkasse Bankia ist nach Medieneinschätzung nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die entscheidende Frage sei, wie Spanien die Rettungsmaßnahmen bezahlen wolle. Die Presseschau.