Geithner/Nazareth
Wie ein Reh im Scheinwerferlicht

US-Finanzminister Tim Geithner braucht dringend Verstärkung. Seine Wunschkandidatin für das Amt der Finanzstaatssekretärin hat sich anscheinend aus dem Nominierungsprozess verabschiedet. Jetzt erinnert Geithner noch stärker an Atlas, der die gesamte Finanzwelt mit seinen Schultern stützt - nur dass er nicht so stark ist, und die Welt jeden Tag weiter zerfällt.
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US-Finanzminister Tim Geithner braucht dringend Verstärkung. Seine Wunschkandidatin für das Amt der Finanzstaatssekretärin und damit seiner Stellvertreterin scheint sich aus dem Nominierungsprozess zurückzuziehen. Jetzt erinnert Geithner noch stärker an Atlas, der die gesamte Finanzwelt mit seinen Schultern stützt - nur dass er nicht so stark ist, und die Welt jeden Tag weiter zerfällt.

Der Entschluss von Annette Nazareth, sich, wie am Donnerstagabend berichtet wurde, aus dem Rennen um die Ernennung zu Geithners Stellvertreterin zu verabschieden, unterstreicht, wie isoliert er diesen Kampf ausfechten muss. Es fehlen ihm nicht nur ein Stellvertreter, sondern auch Staatssekretäre für internationale oder nationale Finanzen.

Eines der Wunder des demokratischen Prozesses in Amerika besteht darin, dass alle diese Posten vom US-Kongress bestätigt werden müssen. Angesichts der Probleme, die einige der Nominierten von Präsident Barack Obama - Geithner selbst eingeschlossen - mit Steuerangelegenheiten hatten, kann es nicht überraschen, dass die Verantwortlichen in Washington bei der Überprüfung der Kandidaten nun übervorsichtig vorgehen.

Ebenfalls verständlich ist, dass sie keine Bewerber aussuchen wollen, die sich für die Wall Street eingesetzt haben, oder zu viele, die dort gearbeitet haben, denn schließlich fließen Gelder der Steuerzahler in unglaublicher Höhe in die Rettung der Banken. Aber damit wird Geithner auch der Zugriff auf einige Mitstreiter verwehrt, die nützliche Erfahrungen und Fähigkeiten aufzuweisen haben.

Dass der Nominierungsprozess nur mit Hindernissen über die Bühne geht, hätte in normalen Zeiten wahrscheinlich keine allzu große Rolle gespielt. Aber diese Zeiten sind alles andere als normal. Die US-Regierung bekämpft die schlimmste globale Wirtschaftskrise seit achtzig Jahren. In weniger als fünfzig Tagen im Amt hat sie ein Konjunkturprogramm über fast 800 Mrd. Dollar eingeleitet, in groben Zügen einen Plan zur Schaffung einer "Bad Bank" vorgestellt, die Citigroup zum dritten Mal gerettet, AIG ein weiteres Mal herausgehauen, eine Initiative über eine Bill. Dollar in Gang gebracht, die Liquidität in die Märkte für forderungsbesicherte Wertpapiere pumpen soll, ein Vorhaben angekündigt, das verhindern soll, dass Hauseigentümer, die sich übernommen haben, vor die eigene Haustür gesetzt werden und sich mit der scheinbar bevorstehenden Pleite von General Motors auseinander gesetzt.

Geithner selbst stand im Mittelpunkt dieser Initiativen. Er ist zudem wiederholt vor den einen oder anderen Kongressausschuss zitiert worden, um seine Vorhaben zu erklären. Sich auf die Aussage vorzubereiten, sie vorzutragen und Mitglieder des Kongresses in Einzelgesprächen zu überzeugen, nimmt viel Zeit in Anspruch. Und die Befragungen verliefen auch nicht immer in freundlicher Atmosphäre.

Doch das ist noch nicht alles. Die Krise macht an den amerikanischen Grenzen nicht Halt. Um sie zu lösen, bedarf es der globalen Koordinierung. Daher muss Geithner einen Teil seiner Aufmerksamkeit den internationalen Finanzministern und Notenbankern widmen - und ins Ausland reisen. Und dann steht im April in London der G20-Gipfel an, auf dem die führenden Politiker der Welt die Regeln für das globale Finanzsystem neu festlegen wollen.

Natürlich ist Geithner nicht völlig allein. Im Weißen Haus unterstützt ihn Larry Summers, ehemals Finanzminister unter Clinton und der Chefwirtschaftsberater von Präsident Obama. Zu nennen ist auch Paul Volcker, der ehemalige Chef der US-Notenbank Federal Reserve und jetzt Chairman des wirtschaftlichen Sachverständigenrats Obamas.

Trotzdem kann sich Geithner gewiss nicht so weit strecken, dass er sich allen Themen angemessen widmen kann. Es kann kaum überraschen, dass einige seiner Vorhaben - besonders der im vergangenen Monat vorgestellte Plan für eine "Bad Bank" - als unausgegoren herüberkamen. Oder dass Geithner selbst fast ein wenig wie ein Reh erscheint, das vom Scheinwerferlicht gebannt wird.

Volcker hat den Mangel an Unterstützung für den Finanzminister als "Schande" bezeichnet. Ob dies der Fall ist oder nicht, gefährlich ist es sicherlich. In den USA allein gehen jeden Monat 600 000 Arbeitsplätze verloren. Obama und der Kongress müssen Geithner jetzt schnell zu Hilfe eilen und ihm die Mannschaft zur Seite stellen, die er braucht.

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