General Motors
In den Rückwärtsgang gezwungen

Die Autohersteller in Detroit haben in den vergangenen Jahren einige ihrer enormen Altlasten in Angriff genommen. Jetzt haben jedoch steigende Kosten und die Abkühlung der US-Wirtschaft Sand in dieses Getriebe gestreut. Und plötzlich geht das Gespenst des Chapter 11 wieder um – besonders bei General Motors.
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Detroit ist einfach nicht vom Glück gesegnet. Kaum haben sich die Autobauer von Motown einigermaßen erfolgreich daran gemacht, ihre enormen Altlasten in Angriff zu nehmen, da kommen auch schon eine stagnierende US-Wirtschaft und ins Unermessliche kletternde Rohstoffpreise daher und streuen Sand ins Getriebe. Und sofort geht - besonders bei General Motors (GM) - wieder das Gespenst um, Gläubigerschutz nach Chapter 11 des US-Insolvenzgesetzes beantragen zu müssen.

Der größte amerikanische Autoproduzent schien im vergangenen Herbst alle noch bestehenden Ängste vor einer drohenden Insolvenz abgeschüttelt zu haben, nachdem er seine Verpflichtungen im Bereich Gesundheitsvorsorge, die die Firma noch aus der Vergangenheit mit sich herumschleppte, für rund 70 cts zum Dollar abgestoßen hatte - genau so wie Chrysler und Ford. Es hatte ganz so ausgehen, als könnte GM mit diesem Schritt und aufgrund von Kostenkürzungen aus zwei Jahren einer kurzen heftige Rezession in halbwegs passabler Verfassung die Stirn bieten.

Aber jetzt tauchen die alten Sorgen wieder auf. Die Kreditderivate von GM zum Handeln von Ausfallrisiken von Krediten und Anleihen implizieren ein größeres Insolvenzrisiko als die von Ford - und der kleinere Konkurrent kann jetzt zudem einen Börsenwert vorweisen, der fast um 50 Prozent höher liegt als der von GM.

Schuld daran sind der Zusammenbruch des Immobilienmarkts und die steigenden Benzinpreise. Ihretwegen ist der Absatz von Pick-Ups und Geländewagen - Detroits große Goldesel - seit dem letzten Jahr um etwa 25 Prozent gefallen. Die Kosten für Rohmaterialien sind enorm geklettert - der Stahlpreis hat sich fast verdoppelt. Und ausländische Wettbewerber beherrschen den Markt für kleinere Autos, so dass es für die amerikanischen Autobauer schwierig wird, die Preise anzuheben, ohne Marktanteile zu verlieren.

GM steht mit seinem Leiden nicht alleine da. Nur ein paar Wochen nach der Veröffentlichung eines überraschenden Gewinns im ersten Quartal hat Ford zugegeben, dass die Firma ihr Ziel, im kommenden Jahr die Gewinnzone zu erreichen, wahrscheinlich nicht erfüllen kann. Aber Ford hatte seine Koffer mit Barem voll gestopft, bevor die Kreditmärkte kollabierten. Jetzt kann das Unternehmen auf rund 29 Mrd. Dollar an liquiden Mitteln zurückgreifen, fast das Doppelte dessen, was der Autohersteller in den kommenden Jahren aufzehren dürfte.

Auch GM schien sich gut abgesichert zu haben. Das Unternehmen hatte Vermögenswerte abgestoßen, bevor der Markt für Übernahmen ausgebremst wurde. Aber das Zusammenspiel von Liquiditätsabflüssen mit fällig werdenden Krediten könnte dazu führen, dass die Firma bis 2010 mit weniger als einer Mrd. Dollar da steht, berechnet die Investmentbank Lehman Brothers. Selbst wenn GM ihre Kreditlinien bei den Banken anzapft, wird die Firma immer noch weniger zur Verfügung haben als die etwa zehn Mrd. Dollar, die die Autobauer nach Einschätzung von Analysten als Betriebskapital zur Hand haben müssen.

GM hat in diesem Jahr noch einmal ein Viertel seiner amerikanischen Arbeiter in der Fertigung entlassen, schließt vier Fabriken und könnte die Marke Hummer, einen Benzinfresser der Sonderklasse, verkaufen. Aber wenn der Autobauer nicht bald die nervösen Investoren davon überzeugen kann, noch viel mehr Bares herauszurücken, wird der Größte unter den Großen Drei bald von der drohenden Insolvenz verfolgt werden.

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