Gipfel in Pittsburgh
G20: Sie lassen schon wieder nach

Wenn auch nur die Hälfte der vagen Zusagen vom Gipfeltreffen in Pittsburgh eingehalten wird, wäre es um die Welt schon viel besser bestellt. Aber zu viel Optimismus wäre fehl am Platz. Während die Krise nachlässt, verdrängt die Rhetorik die Substanz. Vielleicht muss erst eine erneute Krise eintreten, um die notwendigen Veränderungen zu erzwingen.
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Die Stimmung unter den führenden Politikern dieser Welt hat sich von panikgetriebener Entschlossenheit in eine verfrühte Selbstgefälligkeit verwandelt. Das Schlusskommunique des G20-Gipfels von vor einer Woche in Pittsburgh hebt mit einem Lob auf ihre "machtvolle Reaktion" auf die Krise an und scheut auch nicht vor der pathetischen Behauptung zurück: "Es hat funktioniert."

Nachdem sie nun die Welt gerettet haben, fällt die Zugabe der G20-Vertreter ein wenig enttäuschend aus. Sicher, die jüngste Übereinkunft umfasst allgemeine Prinzipien und Fristen, was die großen Themen - Boni, Bankenkapital, Derivathandel und Finanzinstitute, die ein Systemrisiko darstellen - angeht. Begrüßenswert ist die Verpflichtung, das Mitspracherecht von Entwicklungsländern bei den internationalen Institutionen zu verstärken. Und es findet sich auch vieles, was Fortschritte hinsichtlich beträchtlicher Herausforderungen antreiben könnte - von der Harmonisierung der Bilanzierungsrichtlinien bis hin zur Förderung von Handelskrediten.

Aber ein spezifisches Regelwerk, das diese Initiativen abstützt, scheint in weiter Ferne zu liegen. Die größte Errungenschaft scheint darin zu liegen, dass man jetzt schon einmal mit einem - wirklich schauderhaften - Namen für all die Pläne aufwarten kann: "Rahmenwerk für kräftiges, nachhaltiges und ausgewogenes Wachstum".

Zudem ist es doch etwas schwieriger, andere ehrenvolle Absichten ernst zu nehmen. Die multilaterale Begutachtung durch die Partner wird die USA nicht dazu bringen, ihr Handelsdefizit auf Dauer zu drücken oder den von Exporten abhängigen Entwicklungsweg, den China eingeschlagen hat, abzubiegen. Auch wird die vorgeschlagene Erhöhung der Transparenz auf den Energiemärkten nicht zu einer Verringerung der Preisschwankungen führen. Und die Zusage, den ärmsten Ländern zu helfen, ist weitgehend Rhetorik.

Die Optimisten werden argumentieren, dass es doch positiv ist, dass sich die politische Spitze der Welt immer noch zu gut gemeinten und wesentlichen Diskussionen einfindet. Aber das Abflauen der Krise hat die globale Wahrnehmung der Dringlichkeit vermindert. Nur wenige der G20-Repräsentanten fühlen sich in ihrem Heimatland politisch so gut abgesichert, dass sie zu Hause Opfer um des globalen Wohlergehens willen bringen würden. Jetzt sehen sie die unmittelbare Notwendigkeit dafür nicht mehr, also stellen sie ein hartes Vorgehen in Aussicht - irgendwann einmal.

Tatsächlich aber verläuft die Erholung zögerlich, die fundamentalen Probleme finanzieller Ungleichgewichte und unberechenbarer Kapitalflüsse wurden bisher nicht angepackt, und die Rücknahme jener "machtvollen Reaktionen" der Regierungen wird ein Projekt mit hohen Risiken werden, wie auch im Kommunique selbst eingeräumt wird.

Scheinbar reicht die Erinnerung an eine jüngst geschehene Krise nicht aus, um mehr als eine schrittweise Reform zu erzwingen. Nach dem jüngsten G20-Gipfel scheint eine neue Krise eher und nicht weniger wahrscheinlich geworden zu sein. Und die notwendigen bedeutenden Umbauten der globalen Finanzarchitektur - das Schrumpfen des Finanzsektors, das Ausbalancieren des Handels, die Stabilisierung der Währungen - werden warten müssen, bis sie kommt.

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