Goldman Sachs
Die Ironie der Kreditklemme

Die Kreditklemme ist sicher nicht zum Lachen. Dennoch erscheint sie zunehmend wie die Version eines verdrehten Witzes. Das Leid mit den Bankzusammenbrüchen und Stellenkürzungen nimmt Wendungen, die selbst den besten Köpfen Hollywoods kaum eingefallen wären.

Die Kreditklemme ist sicher nicht zum Lachen. Dennoch erscheint sie zunehmend wie die Version eines verdrehten Witzes. Das Leid mit den Bankzusammenbrüchen und Stellenkürzungen nimmt Wendungen, die selbst den besten Köpfen Hollywoods kaum eingefallen wären. Man nehme nur die Nachrichten vom Wochenende über die Franklin Bank. Die US-amerikanische Einlagensicherung sprang bei der kollabierten Houstoner Bank ein, die Einlagen von 3,7 Milliarden US-Dollar und 46 Niederlassungen hat. Das Institut wurde an einen Wettbewerber mit dem passenden Namen Prosperity Bank weitergereicht.

Das ist nichts Besonderes? Franklin war klein und die Nummer 19 auf der Liste der kollabierten Banken im laufenden Häusermarkt-Abschwung. Da ist aber noch mehr. Franklin wurde vor weniger als zehn Jahren vom Verwaltungsratsvorsitzenden Lewis Ranieri gegründet. Wer ein gutes Gedächtnis oder eine Ausgabe des Buches "Wall Street Poker" hat, kann mit diesem Namen etwas anfangen. Ranieri ist im Grunde der Pate des Marktes für Hypothekenanleihen.

In den späten 1970er Jahren leitete Ranieri den Handelstisch bei Salomon Brothers, an dem das Verbriefungsgeschäft geschaffen wurde, das den Markt für forderungsbesicherte Wertpapiere hervorbrachte, der wiederum als Wiege besicherter Schuldenobligationen (Collateralized Debt Obligations) gilt, die in den heutigen finanziellen Weltuntergang führten. Es entbehrt nicht der Ironie, wenn gerade die von Ranieri aufgebaute Bank vom Häusermarktkollaps zerstört wird.

In Ranieris altem Revier, der Wall Street, gab es am Montag noch eine andere Geschichte, die besser als jede Fiktion war. Goldman Sachs, der Tempel des Investmentbanking, entließ in dieser Woche einige seiner 33 000 Angestellten. Was daran besonders sein soll? Schließlich werden in der ganzen Branche derzeit Stellen abgebaut.

Unter den jüngsten Opfern bei Goldman war allerdings ein gewisser William Tanona. Anders als Ranieri verdient Tanona wahrscheinlich nicht einmal eine Fußnote in den Geschichtsbüchern der Finanzwelt. Dennoch ist sein Abgang möglicherweise vielsagender als der Untergang des Guacamole verschlingenden texanischen Bankgeschäfts von Ranieri.

Tanona war als Researchanalyst spezialisiert auf Investmentbanken. Die Lektion: Goldman hält es nicht länger für ein lohnendes Unterfangen, die Branche zu beobachten, die man selber anführt. Ironie verbindet oft Tragödie und Farce. Die Geschichten von Ranieri und Tanona sind geschichtliche Ironien. Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%