Großbritannien
Das gescheiterte Paradigma

Die Unabhängigkeit für die Bank of England im Jahr 1997 und goldene Regeln für die Steuerpolitik hätten eigentlich dem ruckartigen Hin und Her des britischen Wachstumszyklus ein Ende bereiten sollen. Aber die Wirtschaft, von Exzessen aus dem Gleichgewicht gebracht, steuert wieder einmal mit voller Kraft auf eine Vollbremsung zu. Die politisch Verantwortlichen müssen die Zügel straffen.

Anfahren und wieder stoppen: Eigentlich hätte die britische Wirtschaft diesen Fahrstil über Bord geworfen haben sollen. Und zumindest erschein es 2001 noch so, als Großbritannien unversehrt durch den globalen Abschwung gesegelt war, worauf der britische Premier Gordon Brown wiederholt hingewiesen hat. Aber jetzt, zehn Jahre nach Browns goldenen Regeln für die Steuerpolitik und der Unabhängigkeit der Bank of England, scheint die britische Wirtschaft vollkommen aus dem Gleichgewicht geraten und viel anfälliger dafür zu sein, in eine ausgewachsene Rezession abzugleiten als die USA, Japan oder die Eurozone.

Der Erfolg der Jahre 2001 und 2002 nimmt sich jetzt wie Hochstapelei aus. Großbritannien hatte damals besser abgeschnitten als andere Länder, weil das Land sich immer noch in einer frühen Phase seines Fiskal- und Immobilienzyklus befand. Umsicht lautete damals die Parole von Brown: Er hatte den öffentlichen Haushalt bis 2000 auf einen Überschuss von fast vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gehievt und die Verschuldung abgebaut. Schade, dass er auf diesem Weg nicht weitergemacht hat.

Die britischen Immobilienpreise, immer schon ein zentrales Element des Konjunkturzyklus, waren gedämpft. Während der neunziger Jahre war die Erholung von dem Zusammenbruch gegen Ende der achtziger Jahre äußerst zäh verlaufen. Der durchschnittliche Häuserpreis lag 2000 nur um 24 Prozent über dem Niveau von 1990 und entsprach dem rund 3,5fachen des Durchschnittsverdiensts - im Rahmen der historischen Norm.

Heute sieht das Umfeld allerdings anders aus, es ist durch Übertreibungen verzerrt worden. Bis 2007 sind die durchschnittlichen Häuserpreise gegenüber dem Jahr 2000 um 132 Prozent in die Höhe geschossen auf fast das Sechsfache des Durchschnittseinkommens - das ist weit mehr als während des Immobilienbooms der achtziger Jahre. Die unabhängige Bank of England hatte die geldpolitischen Zügel nicht ausreichend gestrafft, und Brown, der Umsichtige hatte sein Motto vergessen. Die öffentlichen Finanzen sind von einem beträchtlichen Überschuss auf ein Defizit von 2,8 Prozent des BIP nach unten gerauscht. Und der britische Verbraucher? Alles geliehen - und ausgegeben.

Die britische Wirtschaft sieht jetzt mitgenommener aus als nach früheren Exzessen - und zerzauster als andere führende Volkswirtschaften. Die spekulative Immobilienblase in Großbritannien war noch stärker aufgebläht als die in Amerika; der britische Etatfehlbetrag wetteifert mit dem von Japan und Frankreich; nur die USA übertreffen Großbritannien, was den Anteil des Handelsbilanzdefizits am BIP angeht.

Es kann kaum überraschen, dass das neue Paradigma nicht als Allheilmittel gewirkt hat. Das zyklische Unwohlsein Großbritanniens ist geblieben. Was helfen würde, ist eine strengere Handhabung der Steuer- und Geldpolitik. Doch dafür ist es vorerst zu spät. Es wartet eine andere britische Tradition: ein ausgedehntes Bad im eiskalten Wasser der Konjunktur.

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