Großbritannien
Die britische Neverland Ranch

Michael Jackson schwelgte in einem Lebensstil, den er auf seiner Neverland Ranch kultivierte. Großbritannien, das heute den größten Rückgang des jährlichen Bruttoinlandsproduktes seit 1958 vermeldete, ist verliebt in sein Wirtschafts-Luftschloss aus dem Reich der Fantasie. Die Pop-Ikone passte sich nie ihren schlechteren finanziellen Zustand an. Großbritannien macht es kaum besser.
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Trotz eines Schuldenrausches der Regierung erlebt Großbritannien den größten Rückgang des Bruttoinlandsproduktes in einem halben Jahrhundert. Dabei schaffen es die Verbraucher sogar, noch weniger zu sparen als im letzten Quartal. Großbritannien kann mit keiner wirklichen Erholung beginnen, solange Verbraucher und Regierung ihre Finanzen nicht aus dem Nimmerland in die Wirklichkeit zurückholen.

Die Märkte sind darauf erpicht, die britische Rezession hinter sich zu lassen. Britische Aktien zogen heute an, sogar nach der enttäuschenden Meldung, dass das BIP im ersten Quartal um 2,4 Prozent niedriger ausfällt als im letzten Vorjahresquartal. Die Anleger könnten hoffen, dass das Schlimmste nun hinter ihnen liegt. Die Einzelheiten deuten aber auch eine künftige Schwäche an.

Die Verbraucher gaben im ersten Quartal 1,8 Prozent weniger aus als ein Jahr zuvor, ihre Sparrate lag bei niedrigen drei Prozent. Das ist zwar höher als vor einem Jahr, als die Sparrate negativ war. Es ist aber niedriger als im Vorquartal, als die Rate noch bei vier Prozent lag.

Es muss mehr gespart werden, um die aktuelle Mini-Rally im Wohnimmobilienmarkt zu erhalten. Der landesweite Index für durchschnittliche Häuserpreise stieg im Juni um 0,9 Prozent. Erstkäufer werden Geld zurücklegen müssen für die großen Sicherheiten, die Kreditgeber inzwischen verlangen. Die steigende Arbeitslosigkeit und der niedrigste jemals gemessene Anstieg der Jahreseinkommen werden dies schwierig machen.

Schon bald werden die Verbraucher auch mehr Geld beim Staat abliefern müssen, der durch die Steigerung seiner Ausgaben auf Jahresbasis um 3,2 Prozent im ersten Quartal Großbritannien einen noch größeren BIP-Rückgang ersparte. So kann es nicht weitergehen. Die Nettoschuldenaufnahme der Regierung von 34,5 Milliarden britischen Pfund im ersten Quartal entspricht fast der jährlichen Schuldenaufnahme in den Jahren 2004 bis 2007. Das waren die guten Zeiten, in denen die Regierung hätte sparen müssen.

Dann gibt es auch noch riesige öffentliche Pensionsverpflichtungen, die nicht finanziert sind. Ein Expertenkomitee schätzt sie auf 1,2 Billionen Pfund, rund 80 Prozent des BIP. Doch die Bewohner von Nimmerland sorgen wohl üblicherweise nicht für den Ruhestand vor.

Großbritannien zeigt keine Anzeichen für eine Anpassung an die neue Wirklichkeit, in der (geliehenes) Geld nicht mehr in Mengen angeboten wird, Ausgaben gekürzt werden müssen und produktive Schwerarbeit wieder angesagt ist. Regierung und Märkte sind noch nicht in der britischen Wirklichkeit aufgewacht.

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