Großbritannien
Prügelknabe Pfund

Großbritannien braucht ein schwächeres Pfund, um seine Wirtschaft wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Inzwischen hat Land genau dies bekommen, doch die deutliche Pfund-Abwertung gegenüber dem Euro hat bisher wenig dazu beigetragen, das britische Handelsbilanzdefizit zu verbessern. Nun droht das nächste Unheil: Inflation.

Der steile Aufschwung des US-Dollar von seinen extremen Tiefständen kippte nicht nur den fliegenden Euro-Vogel von seiner Stange. Das britische Pfund, das bereits auf dem bislang niedrigsten Stand gegenüber dem Euro notierte, verlor rund zehn Cent seines Dollar-Wertes in nur zwei Wochen, womit ein 22-Monats-Tief erreicht wurde. Das Pfund Sterling könnte sich für eine Weile stabilisieren, doch seine Talfahrt wird es wohl bald wieder aufnehmen, und dabei weit kommen.

Fast zwei Jahre lang notierte das Pfund zum Dollar auf stratosphärischen Vierteljahrhundert-Höchstständen. Die Stärke gegenüber der US-Währung war durch die extreme Dollar-Schwäche und die höchsten Zinssätze unter den führenden Volkswirtschaften entstanden. Doch als dem britischen Häusermarkt und dem Finanzzentrum in der Londoner City die Luft auszugehen begann, war das Pfund nicht länger gesund. Die US-Wirtschaft sieht vergleichsweise stark aus, und der Markt erwartet, dass die britischen Zinsen schneller fallen als irgendwo anders.

Der britische Zentralbankchef Mervyn King setzt auf den Fall des Pfundes. Das lange inaktive produzierende Gewerbe Großbritanniens, dessen Ausstoß in fünf Jahren um minimale 2,6 Prozent stieg, muss Stellen schaffen, für Exporte und ein niedrigeres Handelsbilanzdefizit sorgen und damit den Staffelstab übernehmen von der lange Zeit blühenden, nun aber abgeschlafften Finanzdienstleistungsbranche.

Die Anzeichen dafür sind bislang jedoch nicht ermutigend. Sicher, der 15-prozentige Fall des Pfund zum Euro im vergangenen Jahr half dabei, einen 18-prozentigen Exportanstieg vom April bis Juni gegenüber dem Vorjahreszeitraum zu erreichen, während die Importe um elf Prozent stiegen. Doch in den ersten fünf Monaten dieses Jahres lag das britische Handelsbilanzdefizit gegenüber der Eurozone bei 24,6 Milliarden Euro, nur wenig verändert gegenüber dem Vorjahr. Das britische Gesamtdefizit war im zweiten Quartal sogar um 20 Prozent schlechter als im Vorjahr.

Die Vorzeichen für einen wirtschaftlichen Rettungsakt des Pfund Sterling sind nicht gut. Die Konsumnachfrage in der Eurozone, die etwas mehr als die Hälfte der britischen Exporte aufnimmt, hat sich abgeschwächt. Der amerikanische Verbraucher ist ungewöhnlich schwach, und sogar bei einem Stand von 1,86 gegenüber dem Dollar bleibt das Pfund ein Hindernis. Um die britische Wirtschaft vor einer tiefen Rezession zu retten, müsste das Pfund noch viel weiter fallen. King hat die Sorge, dass ein fallendes Pfund zwar zu weniger importierten Waren führt, aber zu mehr importierter Inflation.

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