Großbritannien
Ratingagenturen nehmen London in die Zange

Die nächste Regierung der Briten muss eisen sparen, sonst verliert sie die Bestnote an den Finanzmärkten und alles wird noch teurer für sie.
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Jedes Jahr im Sommer zieht eine kleine Flotte bunt geschmückter Boote die Themse hinauf. Der Chef der Mini-Armada trägt eine rote Fantasieuniform und eine Schiffermütze verziert mit einer Schwanenfeder. Die Feder ist ein guter Hinweis auf den Job, dem die Schiffer nachgehen. Es handelt sich um die königlichen Schwanen-Markierer, die Jahr für Jahr die weißen Vögel und ihre Küken auf der Themse zählen. Denn die Schwäne gehören seit dem zwölften Jahrhundert dem englischen Monarchen, und der möchte natürlich gerne wissen, wie viele der Vögel denn nun tatsächlich sein Eigen sind.

Anachronismen wie das Amt des "Royal Swan Markers" zeigen nach Meinung eingefleischter Antiroyalisten und Pfennigfuchser, dass es im britischen Staatshaushalt durchaus noch Sparpotenzial gibt. Und Sparen ist Pflicht - spätestens nach den nächsten Wahlen. Bis der königliche Schwanen-Markierer Federn lassen muss, wird es zwar wahrscheinlich noch eine Weile dauern, aber der Insel stehen schmerzliche Einschnitte bevor. Denn sollte der kommenden Regierung das politische Mandat oder der politische Wille für ein drakonisches Sparprogramm fehlen, dann würden die Kapitalmärkte dem Land wohl endgültig das Vertrauen entziehen. Derzeit sieht die Haushaltslage so katastrophal aus wie seit den 50er-Jahren nicht mehr, als das Land seine Kriegsschulden abtragen musste. Die Neuverschuldung wird sich in diesem Jahr auf 180 Mrd. Pfund belaufen. Das entspricht zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung, so viel wie in keinem anderen G20-Land.

Die großen Ratingagenturen drohen bereits damit, dem Königreich die wertvolle Bonitätsbestnote "AAA" abzuerkennen, sollte die nächste Regierung nach den Unterhauswahlen, die spätestens im Juni 2010 stattfinden müssen, nicht einen glaubwürdigen Plan zum zügigen Abbau des Haushaltsdefizits vorlegen. Die Gefahr, dass nach den Wahlen der politische Wille zum Sparen fehlt, ist aber gar nicht so gering. Zwar kommen die Konservativen in den jüngsten Umfragen auf 37 Prozent und Labour nur auf 27 Prozent. Aber wegen des Mehrheitswahlrechts und der komfortablen Mehrheit von Labour im aktuellen Parlament könnte das trotzdem zu einem Patt führen.

Würde das Ergebnis aus den Umfragen am Wahltag exakt bestätigt, würden den Konservativen sechs Sitze für eine Mehrheit fehlen. Natürlich wäre dann noch immer eine Koalitionsregierung möglich, aber damit haben die Briten keine Erfahrung, und die Experten der Investmentbank Morgan Stanley fürchten, dass das politische Gezerre in diesem Fall zu einem Misstrauensvotum der internationalen Investoren führen würde. Die Folge wäre eine Verkaufswelle, die nicht nur das Pfund, sondern auch den Bondmarkt hart treffen würde. Die größten Schwarzseher sehen bereits das Menetekel der späten 70er-Jahre an der Wand. Damals musste Labour-Schatzkanzler Denis Healey sogar den Internationalen Währungsfonds zur Hilfe rufen, um das Land aus einer akuten Zahlungsbilanzkrise zu befreien.

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