Guttenberg
Der (vor)eilige Minister und seine gebeutelte Bundeswehr

Die Debatte über die Wehrpflicht erreicht endlich die wirklich entscheidenden Fragen. Verteidigungsminister zu Guttenberg spielt dabei allerdings keine Rolle. Eine Kolumne von Bernd Ziesemer.
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Vor genau einer Woche habe ich an dieser Stelle bedauert, dass die bisherige Debatte über eine Reform der Bundeswehr am Kern der Probleme vorbeigeht. Nach meinem Kommentar hat sich die ganze Diskussion durch zwei Beiträge, die beide exklusiv im Handelsblatt erschienen sind, endlich in die richtige Richtung gedreht. Beide Artikel lassen allerdings den zuständigen Minister, Karl-Theodor zu Guttenberg, nicht gut aussehen.

Der deutsche Nato-General Egon Ramms betonte in seinem Handelsblatt-Interview die schlichte Notwendigkeit, alle Veränderungen in der Bundeswehr an den langfristigen strategischen Planungen des Verteidigungsbündnisses auszurichten. Deutschland werde als "Bündnisland" sicherlich keine eigenen Kriege mehr führen und müsse seine Vorstellungen daher mit den anderen Nato-Ländern synchronisieren. Der Generalinspekteur der Bundeswehr, Volker Wieker, forderte gleichzeitig in einem internen Papier, das ebenfalls nur im Handelsblatt zu lesen war, eine "grundlegende Reform des Beschaffungskreislaufs", um endlich eine "sachgerechte Ausrüstung!" unserer Soldaten zu erreichen. Beide Äußerungen seiner ranghöchsten Soldaten sind äußerst unangenehm für zu Guttenberg.

Denn sie machen eines deutlich: Mit einem Schnellschuss bei der Wehrpflicht, so richtig er auch ist, lassen sich die wirklichen Probleme der Bundeswehr nicht lösen. Es geht vielmehr um eine Reform an Haupt und Gliedern, die sich auch nicht allein an den Erfahrungen in Afghanistan orientieren darf. Denn schon die nächsten Aufträge der Bundeswehr können im Rahmen unserer Nato-Verpflichtungen ganz anders aussehen als der jetzige Einsatz.

Nach den Äußerungen von Ramms und Wieker muss sich auch die Wirtschaft gefordert fühlen. So wie bisher kann es mit den Rüstungsprojekten der Bundeswehr (und der Nato insgesamt) nicht weitergehen. Die Zerstückelung von Aufträgen nach nationalen Produktionsquoten passt beispielsweise nicht mehr in die heutige Welt.

Die Entwicklungszeiten moderner Waffen liegen weit jenseits aller Fristen, die in der zivilen Industrie üblich sind. Das gesamte Nachschubwesen der Bundeswehr funktioniert noch so, als ob die Just-in-Time-Produktion noch nicht erfunden worden wäre. Die Weiterentwicklung vorhandener Systeme dauert viel zu lange. Und vieles ist nicht wirklich in seinem Gesamtzusammenhang durchdacht.

Der Bundesverteidigungsminister (wer denn sonst?) müsste eigentlich diesen überwölbenden Bogen einer großen Bundeswehrreform setzen, bevor wir uns in den Details der Diskussion über den Sinn der Wehrpflicht verlieren. Doch dafür agiert der junge Freiherr zu eilig - und manchmal leider auch zu voreilig.

Kommentare zu " Guttenberg: Der (vor)eilige Minister und seine gebeutelte Bundeswehr"

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  • Gleichzeitig wird nun eine Elite Kampftruppe gefordert. Doch das ausschlaggebende ist das gleiche, ob breite bundeswehr oder kleine Kampftruppe, das Ziel diesen Krieg zu führen.
    Koste es was es wolle.
    Genauso wird im Wirtschaftsleben gehandelt, es wird ein Ziel verfolgt, koste es was es wolle.

  • Doch Guttenberg hat eine Rolle. Er hat die verantwortlichen Leute herausgeworfen und es ist gleichfalls zu vermuten, dass diese die befehle im Falle Kundus gegeben haben.
    Den Tanklastenwagen und die zugehörigen 142 Zivilisten die dabei getötet wurden.
    Und den Umstand, dass durch diesen Krieg die Anschläge in Deutschland seit Jahren diskutiert werden, wir Zivilisten also wieder die Schuldigen sind an diesem Krieg.

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