IKB-Verfahren
Stefan Ortseifen: Prügelknabe der Bankenwelt

Stefan Ortseifen wird das Blut der Anleger nicht so stark in Wallung versetzen wie ein Bernie Madoff. Aber der Ex-Chef der IKB ist der erste Boss einer großen Bank, der wegen der Anklagen im Zusammenhang mit der Beinahe-Pleite des Kreditinstituts mit einer Gefängnisstrafe rechnen muss. Ortseifen ist zwar nicht international bekannt, aber er wird als Prügelknabe für die Suprime-Katastrophe genügen müssen.
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Stefan Ortseifen ist kein Bernie Madoff. Sein Name ist international weder so berühmt noch so berüchtigt. Aber der ehemalige Chef der IKB ist der erste Boss einer großen Bank, der wegen der Anklagen im Zusammenhang mit der Beinahe-Pleite des Kreditinstituts mit einer Gefängnisstrafe rechnen muss. Er könnte letztendlich für die Subprime-Krise und ihre Folgen eine ähnliche Stellvertreterfunktion einnehmen wie der New Yorker Großmeister des Schneeballsystems.

Die Bankvorstände sind nicht völlig ungeschoren davongekommen. Viele haben für ihren Leichtsinn und ihre Rücksichtslosigkeit mit ihren Jobs, ihrem Vermögen und ihrem Vermächtnis bezahlt. Einige von ihnen müssen mit dem Vorwurf leben, alteingesessene Firmen zerstört zu haben. Sir Fred Goodwin, der ehemalige Boss der Royal Bank of Scotland, wurde durch Prozessandrohungen und durch Vandalen, die die Fenster seines Anwesens eingeworfen hatten, dazu gezwungen, auf einen Teil seiner Altersbezüge zu verzichten. Sein einstiger Stellvertreter bei der Investmentbank der Gruppe, Johnny Cameron, scheint stillschweigend auf eine schwarze Liste der Aufsichtsbehörden gesetzt worden zu sein, die ihn von weiteren Aufgaben im Finanzsektor ausschließt.

Der einstige Chef der früheren Merrill Lynch, John Thain, wurde vor die Gesetzgeber gezerrt und öffentlich scharf kritisiert. Peter Wuffli hat nach seinem Abgang als Chef der UBS einen Bonus zurückgegeben, auf den er ein Anrecht hatte.

Aber keiner ist wegen seiner Taten bisher strafrechtlich verfolgt worden. Das ist bei Ortseifen anders: Die Düsseldorfer Staatsanwälte klagen ihn an, die Märkte darüber in die Irre geführt zu haben, wie schlimm die Krise für die IKB ausfallen würde. Eine Woche, nachdem die Bank eine angeblich "zu positive" Pressemitteilung herausgegeben hatte, stand der Unternehmensfinanzierer mit einer Bilanzsumme von 60 Mrd. Euro kurz vor der Pleite.

Viele Beobachter werden Parallelen zum Niedergang von Bear Stearns oder Lehman Brothers ziehen. Doch außerhalb Deutschlands wird sich kaum jemand daran erinnern, dass die IKB als Erste kollabiert ist, nachdem US-Subprime-Investitionen der Bank einen unerwarteten Milliardenverlust beschert hatten. Ihre Rettung im Juli 2007 war den Schwierigkeiten der beiden US-Investmentbanken und dem Ruin des britischen Hypothekenfinanzierers Northern Rock vorangegangen.

Es erscheint unwahrscheinlich, dass die ehemaligen Topmanager dieser Institute - Jimmy Cayne, Dick Fuld und Adam Applegarth - oder irgendeiner der anderen in Ungnade gefallenen Bankenbosse sich vor Gericht verantworten werden müssen. Ortseifen könnte letztendlich in die Situation geraten, vor Gericht de facto für sie eine Stellvertreterfunktion einzunehmen. Die Wertpapieraufsicht hat zwar Anklage gegen den ehemaligen Countrywide-Chef Angelo Mozilo erhoben - aber er muss sich nur auf eine Geldstrafe gefasst machen. Ortseifen dagegen könnte bei einer Verurteilung für fünf Jahre ins Gefängnis wandern.

Wenn der Bekanntheitsgrad von Ortseifen auch gering ist, so muss der Prozess gegen ihn vielleicht dennoch genügen, damit sich Bankaktionäre allerorten in einer Art Katharsis von ihren Subprime-Frustrationen befreien können. So wie dies beim Prozess gegen Madoff einer Welt von geschädigten Hedge-Fonds-Investoren widerfahren ist, ob sie nun bei ihm investiert hatten oder nicht.

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