Indien
Die Kosten des Wachstums

Die indische Regierung überlässt es den Gewinnern der bevorstehenden allgemeinen Wahlen, über weitere Konjunkturanreize zu entscheiden. Indien hat zwar eine Bankenkrise vermieden, aber ein sich schnell ausdehnendes Etatdefizit und vielleicht der Verlust der erstklassigen Bonitätsbewertung des Landes könnten die Kosten für die Beibehaltung des Wachstumskurses sein.

Indien mag zwar der Bankenkrise ausgewichen sein, aber der globalen Wirtschaftsverlangsamung konnte sich das Land nicht entziehen. Bei der Vorstellung ihres Interimshaushalts hat die Regierung darauf verzichtet, weitere Schritte zur Ankurbelung der Wirtschaft anzukündigen. Diese Entscheidung überlässt sie den Gewinnern der bevorstehenden allgemeinen Wahlen, die für Mai angesetzt sind. Die neue indische Regierung wird dann abwägen müssen, ob sie die Vorteile einer fiskalisch robusten Verfassung der Beibehaltung wirtschaftlichen Wachstums opfern will.

Indien ist von der globalen Finanzkrise nicht allzu hart getroffen worden. Die unter strenger Aufsicht stehenden Banken haben die enormen Abschreibungen vermieden, die die westlichen Finanzinstitute verstümmelt haben. Der Mangel an Exporten, der im Hinblick auf China lange als Nachteil erachtet worden war, erweist sich jetzt als Pluspunkt. China hat angesichts stark rückläufiger Ausfuhren zu kämpfen, sein Wachstum über der Marke von fünf Prozent zu halten - gegenüber einem Plus von neun Prozent im vergangenen Jahr. Indien geht davon aus, dass das Wachstum in diesem Jahr lediglich auf 7,1 Prozent sinkt nach plus neun Prozent im Vorjahr.

Aber die relativ milde Konjunkturverlangsamung vollzieht sich auch nicht völlig schmerzfrei. Mangelndes Vertrauen hat dazu geführt, dass der Bereich Unternehmenskredite fast völlig zum Erliegen gekommen ist. Die Verunsicherung über die weitere Entwicklung der aufstrebenden Märkte und Einschussforderungen haben eine Flucht des ausländischen Kapitals aus dem Land bewirkt. Der maßgebliche indische Aktienindex ist zudem in sechs Monaten um 37 Prozent gefallen, wobei sich sein Niedergang durch einen Bilanzierungsskandal bei einem führenden indischen IT-Dienstleistungsunternehmen noch beschleunigt hat.

Doch das Schlimmste könnte erst noch kommen. Das Haushaltsdefizit der indischen Regierung liegt schon bei sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) - das ist doppelt so hoch wie von der Regierung anvisiert. Rechnet man die Mittelaufnahme der einzelnen Bundesstaaten mit ein, dann beläuft sich das Verhältnis fast auf zehn Prozent. Doch die nächste Regierung, egal welcher Couleur, wird wahrscheinlich noch mehr ausgeben müssen, um das Wachstum im angestrebten Zielkorridor zu halten.

Indien verfügt nicht über die Fremdwährungsreserven, die nötig wären, um sich wie China ein Mega-Konjunkturpaket über 600 Mrd. Dollar leisten zu können. Bemüht hat sich das Land gleichwohl - es hat die staatlichen Beihilfen für Kraftstoffe gesenkt und ein Maßnahmenpaket für kleinere Unternehmen verabschiedet.

Die Gesamtkosten dafür könnten sich auf acht Mrd. Dollar belaufen, was in etwa fast einem Prozent des BIP entspricht. Der Großteil der Stützungsmaßnahmen wurde von der Zentralbank beigesteuert, die die maßgeblichen Zinsen und die Reserveanforderungen für die Banken gesenkt hat.

Die Bonitätsbewertung Indiens bewegt sich immer noch im erstklassigen Bereich, doch eine einzige Herabstufung würde das Land schon auf Schrottstatus degradieren. Die neue Regierung wird vor eine schwierige Wahl gestellt: den Wachstumskurs beizubehalten oder zumindest den Anschein von Disziplin in der Haushaltspolitik zu wahren.

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