Interbanken-Sätze
Stegreifaufgabe für die Notenbanker

Die Interbanken-Sätze steigen wieder, auch wenn sich die Fed, die EZB und die Bank of England jede erdenkliche Mühe geben, dem entgegen zu wirken. Die Notenbanken waren bisher nicht in der Lage, dem erschütterten Finanzsystem ausreichend Liquidität zurückzugeben. Während sie kämpfen, verschlechtern sich die Aussichten für den Finanzsektor und das Wachstum.

Die Zentralbanker sind gezwungen, Geldpolitik aus dem Stegreif zu machen. Dies lässt sich aus den jüngsten Bemerkungen von Jean-Claude Trichet, dem Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), und von Mervyn King, dem Gouverneur der Bank of England (BoE) herauslesen. Weder sie noch irgendjemand sonst hat je eine solche Finanzkrise erlebt. Klar ist mittlerweile nur, dass die Kreditkrise so schnell nicht enden wird, dass das reale Wirtschaftswachstum sich abschwächen wird und dass noch viele Monate ins Land gehen werden, in denen mit geldpolitischen Maßnahmen experimentiert werden muss.

Die Notenbanker haben bereits einen weiten Weg zurückgelegt. Ben Bernanke, Chairman der US-Notenbank Federal Reserve, hatte zwar nicht gleich aktionistisch per Hubschrauber Geld abwerfen lassen, um die Wirtschaft zu retten. Bis September beließ er den Zielsatz für Fed Funds unverändert, auch wenn sich der Immobilienmarkt verschlechterte. Seither aber hat die Fed den maßgeblichen Zins innerhalb von sechs Monaten halbiert, und sie hat kontrovers diskutierte und außergewöhnliche Kredite immer bereitwilliger zur Verfügung gestellt.

Die EZB hat zwar noch nicht die Zinsen gesenkt, aber dafür Sonderliquidität in Hülle und Fülle bereitgestellt. Eine höhere Inflation zu riskieren, hätte bedeutet, „unsere Mitbürger aufzufordern, die Banken zu retten“, hatte Trichet am Mittwoch gesagt. Dies ist ein Standpunkt, den er vielleicht nicht mehr lange aufrechterhalten kann.

Im vergangenen August hatte King sich sowohl geweigert, die Zinsen zurückzunehmen als auch Liquidität beizusteuern. Aber jetzt macht die BoE Mittel zugänglich. Und King hat von Unterredungen mit den großen Banken berichtet, bei denen ausgelotet werden soll, „wie eine längerfristige Lösung des Problems erreicht werden könnte“. Er deutete zudem an, dass eine dritte Zinssenkung unmittelbar bevorsteht.

Auch wenn sich die Zentralbanken viel entgegenkommender zeigen, verschärft sich die Kreditkrise immer weiter. Der Interbankensatz für Dreimonatsgeld in Pfund Sterling war am Mittwoch am zwölften Tag in Folge gestiegen und erreichte mit 6,0 Prozent den höchsten Stand seit Dezember. Und der Dreimonatssatz für Euro kletterte auf 4,72 Prozent auf den bisherigen Jahreshöchststand.

Das grundlegende Problem ist, dass die Banken sich gegenseitig nicht mehr über den Weg trauen. Es waren einfach zu viele Kredite vergeben worden, es war zu viel Fremdkapital eingesetzt worden, um eine Hebelwirkung zu erzielen und es gab zu viel Spekulation im Markt. Es ist fast sicher, dass Finanzvermögenswerte und der Finanzsektor schrumpfen werden – und zwar schmerzhaft. Die Weltwirtschaft wird die Auswirkungen zu spüren bekommen. Die Zentralbanken können nur versuchen, Wege zu finden, um den Niedergang abzufedern.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%