Investmentbanken
Goldman - über den Daumen gepeilt

Instabile Vermögenswerte wie Hypotheken oder Übernahmekredite zu bewerten, ist derzeit ein Muss – und die Analysten nehmen zu Recht, wenn auch mit Verspätung, ihre Prognosen für die Erstquartalsergebnisse von Goldman Sachs und deren Branchenkollegen zurück. Dabei handelt es sich aber eher um eine Kunst als um eine Wissenschaft. Und wie lukrativ der ausgedehnte, undurchsichtige Handelsbereich der Wertpapierhäuser wirklich ist, das wissen nur die Götter.

Die Schätzungen darüber, was die Wall Street-Firmen in diesem Jahr verdienen könnten, waren ohnehin schon rosig. Aber da die Kreditmärkte immer weiter in die Knie gehen, sahen die Prognosen plötzlich schlichtweg albern aus. Deshalb nehmen die Analysten jetzt zu Recht, wenn auch mit Verspätung, ihre Hochrechnungen zurück. Trotzdem bleibt die Einschätzung der genauen Gewinne der Investmentbanken ein Würfelspiel.

Sicher, es ist gerade groß in Mode, den Umfang von Abschreibungen auszutüfteln. Aber dabei handelt es sich eher um eine Kunst als um eine Wissenschaft. Nehmen wir Goldman Sachs, deren Chef Lloyd Blankfein die Investmentbank 2007 zu Rekordergebnissen geführt hat. Nur ein paar ihrer Investitionen, wie etwa in die chinesische Bank ICBC oder die japanische Sumitomo Mitsui, sind leicht zu berechnen – deren rückläufige Aktienkurse würden Goldman derzeit rund 420 Mill. Dollar der Quartalseinnahmen kosten.

Eine solche Transparenz ist in anderen Bereichen nicht zu finden. Der Wert der fremdfinanzierten Kredite über 43 Mrd. Dollar, die Goldman am Ende des vergangenen Geschäftsjahrs gehalten hatte, könnte um jeden erdenklichen Wert zwischen einer Mrd. und drei Mrd. Dollar gefallen sein, je nachdem welchen Index man als Messlatte heranzieht und inwieweit man Rückschläge aus dem vergangenen Jahr mit einbezieht.

Dann sind da die Gewerbeimmobilien. Die Marktbarometer, die ihre Entwicklung abbilden, sind seit Anfang Dezember, also zu Beginn des ersten Quartals des laufenden Geschäftsjahrs von Goldman, fast um ein Viertel gefallen. Überträgt man diese Rückgänge auf das Portfolio der Investmentbank, läge ein Verlust über 4,3 Mrd. Dollar nahe. Das wäre extrem. Lehman Brothers rechnet nämlich damit, dass sein Hauptkonkurrent Abschreibungen über nur rund 550 Mill. Dollar auf seine Bestände an Gewerbeimmobilien vornehmen muss.

Wie steht es um die Private-Equity-Investitionen von Goldman über zwölf Mrd. Dollar? Nach den Vorschriften der Rechnungslegung muss die Investmentbank den nach ihrer Meinung angemessenen Marktwert dieses Portfolios angeben, das Beteiligungen an Kinder Morgan und TXU umfasst. Lehman veranschlagt die Verluste in diesem Bereich auf 239 Mill. Dollar, die Deutsche Bank prognostiziert dagegen 900 Mill. Dollar. Suchen Sie sich eine Zahl aus, wobei die letztere den bisherigen Abschwung auf den Aktienmärkten widerspiegelt. Alle diese Puzzleteilchen zusammen könnten ein Loch in die Quartalseinnahmen von Goldman von 2,2 Mrd. bis 8,6 Mrd. Dollar reißen.

Und bei dieser Berechnung sind die Bereiche Investment Banking und Handel noch gar nicht berücksichtigt, die Goldman das Kapital eingebracht haben, das die Firma für Beteiligungsgeschäfte und Principal Investments einsetzt. Dealogic schätzt, dass sich die Gebühren von Goldman für Fusionen und den Verkauf neuer Wertpapiere seit dem vergangenen Quartal halbiert haben. Aber darauf kann man sich auch nicht immer verlassen.

Schließlich ist der enorme Handelsbereich der Bank, der 2007 für 60 Prozent der Einnahmen verantwortlich war, berühmt für seine Undurchsichtigkeit. Die außerordentlichen Gewinne über rund 1,3 Mrd. Dollar, die im vergangenen Quartal verbucht worden waren, werden sich nicht wiederholen. Doch die jüngsten Kursausschläge auf den Märkten waren ohne Zweifel positiv für den Handel mit Dividendenpapieren, Währungen, Rohstoffen und Zinsen.

Was bedeutet das für die Investoren? Seien Sie nicht überrascht, wenn die verschiedenen Handelsdesks von Goldman vier Mrd. – oder vielleicht acht Mrd. Dollar – oder jede andere beliebige Summe einfahren. Das würde nichts nützen. Die Rentabilität der Wall Street-Firmen zu bestimmen, war schon immer ein Ratespiel – und das wird immer so bleiben.

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