Japan
Sayonara, Keynes!

Für Anhänger fiskalpolitischer Stützungsmaßnahmen muss Japan ein Widerspruch in sich sein. Die Konjunkturpakete des Landes sind vergleichsweise größer als die der USA, doch die japanische Rezession geht tiefer. Die öffentliche Verschuldung von 175 Prozent des BIP könnte belebende Investitionen des Privatsektors abwürgen.
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Für Anhänger fiskalpolitischer Stützungsmaßnahmen muss Japan wie ein Widerspruch in sich erscheinen. Es platzen zwar keine Spekulationsblasen in dem Land und seine Konjunkturpakete sind vergleichsweise umfangreicher als die der USA, und dennoch geht die japanische Rezession tiefer. Es könnte sein, dass die öffentliche Verschuldung von 175 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) private Investitionen abwürgt, die sonst vielleicht das Wachstum wiederhergestellt hätten.

Japan sollte eigentlich eine milde Rezession durchlaufen. Die Übertreibungen auf dem Immobilien- und Aktienmarkt wurden vor einem Jahrzehnt aus der Welt geschafft. Die Banken des Landes waren den amerikanischen Narreteien nur in verschwindend geringem Ausmaß ausgeliefert. Bevor der Abschwung einsetzte, waren die Exportsektoren Japans höchst wettbewerbsfähig, sein Etatdefizit war rückläufig, die Inflation niedrig und es gab mehr als genug Spielraum, um die Inlandsnachfrage anzukurbeln.

Doch Japan erlebt den schlimmsten Niedergang unter den führenden Volkswirtschaften. Die Exporte halbierten sich. Die Regierung, deren neuer Ministerpräsident Taro Aso im September den fiskalpolitisch konservativen Kurs verlassen hatte, hat Konjunkturprogramme eingeleitet, die sich insgesamt auf fünf Prozent des BIP belaufen und damit im Vergleich umfassender ausfallen als die der USA oder Großbritanniens. Zudem geht die Bank of Japan aggressiv vor, sie hat ihre besicherte Kreditvergabe auf 22 Prozent des BIP gesteigert.

Nicht-Keynesianer können erklären, warum die japanische Wirtschaft keine Reaktion zeigt, indem sie auf die Belastung durch die Finanzierung der fiskalpolitischen Anreize verweisen. China kann angesichts einer niedrigen Staatsverschuldung, einer hohen Sparquote und eines Etatüberschusses die Wirtschaft ankurbeln, ohne die Anleihemärkte zu überschwemmen und den Privatsektor zu verdrängen. In Japan, wo die Sparquote seit 1990 stetig zurückgegangen ist und die öffentliche Verschuldung in Bezug zum BIP, abgesehen von Simbabwe, weltweit am höchsten ist, sieht der Kompromiss zwischen erhöhter wirtschaftlicher Aktivität und dem Ausgrenzen des Privatsektors bei weitem nicht so günstig aus.

Für ein Abdrängen privater Investitionen in Japan gibt es einige Anzeichen. In den Boom-Jahren von 1986 bis 1990 lagen die Investitionen privater Haushalte außerhalb des Wohnungsbausektors im Durchschnitt bei 16,8 Prozent des BIP. Zwischen 1999 und 2003 verringerte sich diese Kennzahl allerdings auf 14,0 Prozent. Da Ministerpräsident Junichiro Koizumi bei den Regierungsausgaben eine stärkere Disziplin wahrte, verbesserten sich die Privatinvestitionen zwischen 2004 und 2008 auf durchschnittlich 15,4 Prozent des BIP, doch das Verhältnis verschlechterte sich im vierten Quartal des vergangenen Jahres wieder auf 14,9 Prozent.

Wenn der Privatsektor seit dem Ende der neunziger Jahre tatsächlich unterinvestiert hat, dann könnte dies den Wachstumsaussichten Japans für einige Zeit Schaden zugefügt haben. Und die Wirtschaftsanreize von Ministerpräsident Aso könnten die Lage durchaus verschlimmert haben. Wenn dies zutrifft, dann sollte sich Japan vielleicht am Besten von den Keynesianern verabschieden und eine politische Kurswende einleiten.

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