Kampf ums Überleben
Deutsche Geschichte verzögert Hypo-Rettung

Die umfassende Rettung der Hypo Real Estate zieht sich hin, auch wenn die staatlichen Garantiezusagen inzwischen schon 100 Milliarden Euro erreicht haben. Während die USA und Großbritannien anerkannte Prinzipien schnell über Bord geworfen haben, scheinen Deutschland die Narben der Vergangenheit noch zu schaffen zu machen. Dabei ist Verstaatlichung doch kein Grund zum Fürchten.

Die Vergangenheit verzögert die Zukunft der Hypo Real Estate. Der deutsche Immobilien- und Infrastrukturfinanzierer Hypo Real Estate kämpft schon seit vergangenem September ums Überleben. Seit der Markt für Großkredite zum Erliegen kam, stiegen die staatlichen Stützungszusagen in Form von Darlehensgarantien und Kreditlinien von zunächst 35 Milliarden Euro auf inzwischen 100 Milliarden. Ein umfassender Rettungsplan ist längst überfällig.

Der Grund für die Verzögerung liegt, zumindest teilweise, in der deutschen Geschichte. Das letzte Mal, dass Deutschland eine Bank verstaatlichte, war 1931. In der Folge kam es zu einem Run auf die Banken, der dazu beitrug, den Nationalsozialisten an die Macht zu verhelfen. Der dringende Wunsch eine ähnliche Entwicklung nie wieder zuzulassen, führte dazu, dass der Schutz des Eigentums in der nach dem Zweiten Weltkrieg verabschiedeten deutschen Verfassung einen hohen Stellenwert einnahm. Damit aber kann Deutschland heute Hypo Real Estate - oder irgendein anderes notleidendes börsennotiertes Unternehmen - gar nicht mehr so einfach verstaatlichen.

Es gibt viele gute Gründe, die Vergangenheit im Bewusstsein zu behalten. Es war nicht zuletzt die weitverbreitete Ignoranz gegenüber der Finanzgeschichte, die zu der globalen Krise beigetragen hat. Hinzu kommt, dass die angelsächsischen Unternehmenslenker und Politiker nur allzu schnell bereit waren, kapitalistische Grundprinzipien beiseite zu wischen. Die britische Barclays Bank und die anglo-australische Minengesellschaft Rio Tinto haben das Vorkaufsrecht ihrer Aktionäre ignoriert, während die britischen Konservativen - um keinen Deut besser - entschieden, dass es nur richtig ist, sich über Verträge zugunsten einer rüden Bonusjustiz hinwegzusetzen.

Aber Deutschland machen die Narben der Vergangenheit noch zu schaffen. Verstaatlichung mag zwar in den Augen von Behörden und Aktionären geschmacklos sein – aber alles spricht dafür, dass sie die beste unter den schlechten Alternativen ist. Hypos Marktkapitalisierung liegt gegenwärtig bei gerade noch 300 Millionen Euro und die Bank dürfte frisches Kapital in Höhe von wahrscheinlich zehn Milliarden Euro brauchen. Andere Länder haben ihre Lektion schon gelernt: Manche Löcher sind so groß, dass nur der Staat sie stopfen kann.

JC Flowers, die Beteiligungsgesellschaft, die im vergangenen Jahr einen Anteil von 24 Prozent an Hypo übernahm, scheint mit dem Feuer zu spielen. Flowers lässt es darauf ankommen, dass die Regierung zum ersten Mal ein Unternehmen enteignet. Juristen konstruieren bereits Notfallmaßnahmen, die genau das ermöglichen sollen. Noch könnte allerdings eine Einigung zustande kommen, bei der die Aktionäre den staatlichen Rettungseingriffen gegen eine symbolische Zahlung zustimmen. Ein solcher Kompromiss würde achtbaren Respekt vor einer der wichtigsten Lektionen der Geschichte erkennen lassen.

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