Kerviel
Eine postmoderne Geschichte

Der SocGen-Händler, dessen betrügerische Aktivitäten seinen Arbeitgeber 5 Milliarden Euro kosteten, hält seine Kündigung für nicht rechtmäßig. Die Bank, so macht er geltend, habe ihn nicht richtig überwacht. Es klingt vielleicht etwas übertrieben, aber der Fall wird lediglich dazu beitragen, Kerviels Reputation als anti-kapitalistischer Antiheld zu bestärken.

Jérôme Kerviel bestätigt seinen Ruf als anti-kapitalistischer Antiheld. Das jüngste Manöver des Société-Générale-Händlers fügt eine Prise Kafka und einen winzigen Hauch Albert Camus zum blassen Marx-Schatten, der dem 31-Jährigen schon zu einem gewissen ironischen Glamour verholfen hat.

Der Händler, dessen gefälschte Absicherungsgeschäfte die französische Bank 5 Milliarden Euro kosteten, zieht gegen die Kündigung seines Arbeitgebers vor Gericht. Er bestreitet auch den Vorwurf, kriminell gehandelt zu haben. Die kafkaeske Note entsteht durch seinen Vorwurf, SocGen habe es versäumt, ihn vor seinem Rausschmiss in einem ordnungsgemäßen, persönlichen Gespräch anzuhören. Kerviel wurde zwar vier Stunden zu den Verlusten befragt, aber das ist etwas anderes. Wenn diese Argumentation zutrifft, hat SocGen ein Problem, denn Kerviel steht unter der gerichtlichen Anordnung, keinen Kontakt zu irgendeiner Finanzinstitution aufzunehmen.

Der schwerwiegendere Vorwurf besteht darin, dass der Betrug eigentlich nicht Kerviels Fehler war, weil seine Vorgesetzten es versäumt hätten, ihn zu stoppen, und sich für seine Aktivitäten nicht wirklich interessiert hätten. Das Argument klingt existenzialistisch. Wie Camus’ Antiheld und Mörder Meursault (in seinem Roman Der Fremde) reagierte Kerviel auf die heuchlerische Welt mit einem Verhalten, das gleichzeitig zerstörerisch und selbstzerstörerisch war.

Für Kapitalisten ist Kerviel nichts anderes als ein Betrüger, der die sofortige Entlassung verdient. Wenn man schon Milliarden vom Kapital seines Arbeitgebers verliert, dann wenigstens mit ehrlicher Spekulation. Aber ein marxistischer Denker könnte Kerviels Untaten in die noble Tradition von Arbeitern einordnen, die die Instabilität und Heuchelei der bourgeoisen Werte offenlegen. Mit ein klein wenig Phantasie kann er als wahrer Erbe des revolutionären 68er-Geistes gesehen werden, der 1968 zu den anarchischen Straßenprotesten in Frankreich führte.

Ganz offensichtlich war Kerviel mehr daran interessiert zu beweisen, dass er mit den gebildeteren Händlern mithalten konnte, als sich persönlich zu bereichern, geschweige den zu einer irgendwie gespaltenen Kulturikone zu werden. Aber Kapitalisten, Marxisten und Existenzialisten wissen alle, Aktionen können unvorhergesehene Konsequenzen nach sich ziehen.

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