Kolumnen

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Kolumne „Off Screen“: Bei RTL ist die Phantasie raus

Ein milliardenschwerer Teil des Fernsehkonzerns RTL soll an die Börse. Doch für den Mutterkonzern Bertelsmann wird es nicht einfach, das Aktienpaket zu einem guten Preis zu verkaufen.

Handelsblatt-Reporter Hans-Peter Siebenhaar schreibt immer montags seine Kolumne „Off Screen“.
Handelsblatt-Reporter Hans-Peter Siebenhaar schreibt immer montags seine Kolumne „Off Screen“.

Bertelsmann-Chef Thomas Rabe braucht dringend Geld, wenn er das Gütersloher Familienunternehmen wieder in die Champions League bringen will. Deshalb will der nicht gerade unter Selbstzweifel leidende Manager 17,3 Prozent an der in Luxemburg beheimateten RTL Group an die Börse bringen. Das soll nach heutigem Stand rund 1,5 Milliarden Euro in Kasse der Gütersloher spülen. Damit ist die TV-Gruppe ein Kandidat für den MDax.

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Doch das hat einen Haken. Denn bei der RTL Group mit ihren 53 Fernseh- und 28 Radiosendern ist längst die Phantasie raus. In den vergangenen Jahren hat der europäische Branchenprimus einige herbe Niederlagen einstecken müssen. Die Senderfamilie Five in Großbritannien musste wegen Erfolgslosigkeit verkauft werden. Die Expansion nach Griechenland mit Alpha erwies sich als Desaster. In wichtigen Wachstumsmärkten wie Polen oder der Türkei konnte die Bertelsmann-Tochter nie Fuß fassen.

Und in den traditionellen Märkten wachsen die Bäume längst nicht mehr in den Himmel. Frankreich, Benelux und Spanien hängen durch. In der Vergangenheit hat es die deutsche Senderfamilie (RTL, Vox, Super RTL, N-TV, RTL Nitro, RTL 2) immer wieder geschafft, das Ergebnis der RTL Group herauszureißen. Ob das in Zukunft weiter gelingt? Der Aktienkurs der RTL Group spricht Bände. Von den glanzvollen Zeiten zur Jahrtausendwende ist er meilenweit entfernt, seit Jahresanfang brach er fast um ein Viertel ein.

Die Geschäftsfelder von Bertelsmann

  • Bücher

    Das Buchgeschäft ist die Keimzelle von Bertelsmann: Gründer Carl Bertelsmann erhielt 1835 die Konzession der preußischen Regierung zur Einrichtung einer Buchdruckerei. Heute ist das Verlagsgeschäft unter dem Namen der US-Tochterfirma Random House gebündelt, die nach Konzernangaben größte Publikumsverlagsgruppe der Welt. Im Geschäftsjahr 2012 erzielte sie einen Rekordumsatz von 2,1 Milliarden Euro, vor allem dank des Erfolgs der Erotik-Trilogie „Fifty Shades“. Der operative Gewinn stieg um 76 Prozent auf 325 Millionen Euro, die Beschäftigtenzahl auf 5700. Künftig gehört das Buchgeschäft zu einem Joint Venture mit Pearson, an dem die Gütersloher 53 Prozent halten.

  • Fernsehen

    Die RTL Group ist die Cash Cow von Bertelsmann. Im Geschäftsjahr 2012 stieg der Umsatz des größten Unternehmensbereichs auf 6 Milliarden Euro, wegen der Wirtschaftskrise in Südeuropa sank der Nettogewinn allerdings um 13,2 Prozent auf 690 Millionen Euro. RTL betreibt 53 TV- und 28 Radiosender in neun Ländern Europas sowie Indien. Gerade in Deutschland ist das Unternehmen stark – mit den Stationen RTL, Vox, RTL II, Super RTL, RTL Nitro und n-tv. Bertelsmann hält 92,3 Prozent an der Sendergruppe, erwägt aber einen Teil zu verkaufen.

  • Zeitschriften

    Ob Stern, Geo oder Brigitte: An europäischen Kiosken sind die Zeitschriften von Gruner + Jahr nicht zu übersehen. Das Verlagshaus, an dem Bertelsmann 74,9 Prozent hält, machte im Geschäftsjahr 2012 einen Umsatz von 2,2 Milliarden Euro, etwas weniger als im Vorjahr. Der operative Gewinn sank um 28 Prozent auf 168 Millionen Euro, nicht zuletzt wegen der teuren Schließung der Wirtschaftszeitung „Financial Times Deutschland“. Zum Jahreswechsel beschäftigte das Unternehmen 11.600 Mitarbeiter. Die heutige Gesellschafterstruktur zementierte sich in den 70er Jahren, als Bertelsmann in den Hamburger Traditionsverlag einstieg. Die Familie Jahr hält nach wie vor eine Minderheitsbeteiligung.

  • Dienstleistungen

    Arvato ist die wohl vielseitigste Tochter von Bertelsmann: Die Dienstleistungssparte erstellt digitale Medien, ist im E-Commerce tätig, bietet aber auch zahlreiche Unternehmenslösungen für Kundenpflege, Produktionsplanung und Datenmanagement, außerdem IT-Services. 2012 betrug der Umsatz 4,4 Milliarden Euro, das operative Ergebnis 241 Millionen Euro. Die Sparte hat knapp 64.000 Mitarbeiter.

  • Druck

    Bertelsmann gliederte die Druckaktivitäten 2012 in die Sparte Be Printers aus. Diese fertigt Zeitschriften, Kataloge, Prospekte, Bücher und Kalender. Zudem bietet sie Dienstleistungen an. Der Umsatz erreichte 1,2 Milliarden Euro, der operative Gewinn 60 Millionen Euro. Die Bertelsmann-Tochter betreibt Druckereien in Deutschland, Großbritannien, Italien und Spanien sowie den USA und Kolumbien und hat 6.400 Mitarbeiter.

  • Musik

    Musik gehörte lange zum Kerngeschäft von Bertelsmann. Allerdings verkaufte der Konzern 2006 seinen Musikverlag BMG, 2008 gab er auch seinen Anteil am Gemeinschaftsunternehmen Sony BMG ab und verabschiedete sich so aus dem Tonträgergeschäft. Jetzt wollen die Gütersloher die Musik zurück in den Konzern holen und BMG vom Finanzinvestor KKR wieder komplett übernehmen. Die Transaktion soll im ersten Halbjahr 2013 abgeschlossen werden. Das Geschäft gehört zum Bereich Corporate Investments, der alle übrigen operativen Aktivitäten von Bertelsmann umfasst. Dieses machte 2012 471 Millionen Euro Umsatz.

Es wird daher nicht einfach, das Aktienpaket über die Börse bis Mitte Mai zu einem guten Preis zu verkaufen. Denn eines ist klar: Der Bertelsmann-Konzern kann mit den noch verbleibenden 75 Prozent schalten und walten, wie er will. Das macht die Aktie aber unattraktiv.

Zudem erinnern sich Investoren an eines: Wenn Bertelsmann Geld brauchte, fungierte RTL stets als Bank. So genehmigten sich der ostwestfälische Mehrheitsgesellschafter und die wenigen freien Aktionäre eine Dividende von zuletzt 1,6 Milliarden Euro. Dieses Geld fehlt nun den Luxemburgern, um den digitalen Umbau des Konzerns voranzutreiben und neue Märkte anzugreifen.

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