Kolumne „Off Screen“
Der vergessene Henri Nannen

Gruner + Jahr war einst der größte Zeitschriftenverlag in Europa, wird aber vom Eigentümer Bertelsmann zum Schrumpfen verdammt. Wenn der Verlag nicht investiert, kann die digitale Wiedergeburt nicht gelingen.
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DüsseldorfIn Hamburg versammelt sich zur Verleihung des hoch angesehenen Henri-Nannen-Preis am nächsten Freitag alles, was in der Verlagswelt Rang und Namen hat. Die Verleihung der Oscars für den von Zeitschriften und Zeitungen gepflegten Qualitätsjournalismus ist das jährliche Hochamt von Gruner + Jahr. Der Vorstand des hanseatischen Verlagshauses und die Chefredaktion des „Stern“ spendet traditionell den Preis zu Ehren von Henri Nannen, dem legendären Verleger und Herausgeber der Illustrierten.

Die Preisverleihung findet dieses Mal nicht im mondänen Hamburger Schauspielhaus, sondern in der ehemaligen Maschinenfabrik Kampnagel statt, die heute ein Veranstaltungsort ist. Sie gilt als Paradebeispiel einer vergangenen Industrieepoche und als Symbol eines untergangenen Unternehmens. Ein unglücklicher Zufall?

Auch Gruner + Jahr befindet sich in schwierigem Fahrwasser. Zwei Stifter des Henri-Nannen-Preises sind kurz vor der Gala unter die Räder gekommen. Die beiden Gruner+Jahr-Vorstände Torsten-Jörn Klein (Internationales) und Achim Twardy (Finanzen) wurden vom Mehrheitsgesellschafter Bertelsmann in Absprache mit der Jahr-Familie plötzlich auf die Straße gesetzt. Noch prangen ihre Konterfeis zusammen mit der frisch gebackenen Vorstandschefin Julia Jäkel auf der Webseite des Henri-Nannen-Preises. Doch das ist in diesen turbulenten Zeiten für Gruner + Jahr wahrscheinlich nur eine Nachlässigkeit der PR-Abteilung.

Henri Nannen sagte einst zu seiner Motivation: „Wenn man Journalist ist, will man die Welt durchsichtiger machen.“ Doch der einstige „Stern“-Chef scheint heute in der Managementetage des Verlagshauses vergessen zu sein. Denn Gruner + Jahr und sein Hauptgesellschafter Bertelsmann werfen seit Monaten Nebelkerzen, um den wirtschaftlichen Niedergang des früher so stolzen Hamburger Verlags nicht transparent werden zu lassen.

Die Situation am Baumwall ist durchaus dramatisch. Das Hamburger Verlagshaus schrieb im vergangenen Jahr – zum zweiten Mal in seiner Geschichte – roten Zahlen. Gruner + Jahr braucht dringend Investitionen, um endlich den digitalen Umbau auch mit Zukäufen und Verstärkungen ernsthaft und nachhaltig in Angriff nehmen zu können.

Die beiden früheren Vorstandschefs Bernd Kundrun und Bernd Buchholz haben trotz zahlreicher Investitionsvorschläge am Ende entnervt aufgegeben. Sie mussten erkennen, dass der Mutterkonzern Bertelsmann Gruner + Jahr zur Melkkuh machte. Wichtige Investitionsmaßnahmen wurden immer wieder durch ein Veto aus Gütersloh verhindert. Das Ergebnis liegt auf der Hand: Gruner + Jahr erlebt einen rasanten wirtschaftlichen Bedeutungsverlust. Denn einstigen Titel, Europas größtes Verlagshaus zu sein, mussten die Hamburger längst abgeben.

Heute hätte ein Henri Nannen vermutlich mit Chuzpe und Energie an der digitalen Wiedergeburt gearbeitet. Seine Chancen wären aber bei diesen Gesellschaftern bescheiden. Denn sie schieben Gruner + Jahr auf das Abstellgleis. Der Verkauf des polnischen Zeitschriftengeschäfts an Burda ist eine Art unternehmerischer Offenbarungseid. Ein Zeitschriftenkonzern mit internationalen Anspruch kann sich nicht leisten, einem spannenden Markt mit fast 40 Millionen Konsument fern zu bleiben.

Ein Bertelsmann-Insider sagte mir, Gruner + Jahr sei nichts anderes als „Direct Group reloaded“. Er spielte damit auf das Schicksal des Buchclubs an. Bertelsmann hatte das Geschäft unter dem Dach der Direct Group in vielen Ländern verkauft und eingedampft. Seit der Zerlegung spielt die einstige Keimzelle des Medienriesen nur noch eine unbedeutende Rolle.

Gruner + Jahr droht nun offenbar ein ähnliches Schicksal. Denn Bertelsmann hat offenbar das Interesse am Zeitschriftengeschäft verloren. Deshalb entschied auch Bertelsmann-Chef Thomas Rabe, den Sitz für Gruner + Jahr Sitz im Vorstand von Bertelsmann zu streichen – eine Demütigung für die Führungsriege.

Der Rückzug auf Druck der Gesellschafter ist umso schmerzlicher, weil Gruner + Jahr seine journalistischen Hausaufgaben exzellent erledigt hat. Zahlreiche Zeitschriften wurden modernisiert und profitieren bereits davon. Allen voran zahlt sich die Renovierung des „Sterns“ aus, der ab 1. Mail allein von Chefredakteur Dominik Wichmann verantwortet wird. Mit spektakulären Titeln wie zuletzt zu den Mafia-Verstrickungen des Rappers Bushido am vergangenen Donnerstag landete der „Stern“ einen Verkaufserfolg und gewinnt weiter an Ansehen. Die Auflage rückt ohnehin gefährlich an die des „Spiegels“ heran. Henri Nannen hätte daran seine wahre Freude gehabt.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Medienredakteur und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt in seiner Kolumne „Off Screen“ auf.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa

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