Kolumne „Off Screen“
Ein lustloses Interview und seine Folgen

Nach einem unglücklichen Interview zog ein virtueller Wirbelsturm über Katja Riemann hinweg. Das hat Folgen – nicht nur für die Schauspielerin, sondern auch für ARD und ZDF: Wirtschaftsgrößen gehen noch mehr auf Distanz.
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„Sie erkennen Sie sofort an ihren tollen blonden Locken“, intoniert Moderator Hinnerk Baumgarten das Interview im NDR-Magazin „Das!“ mit Katja Riemann, um dann gleich nachzusetzen, wie die Schauspielerin das bei ihrem letzten Film gemacht habe. Da war sie schwarzhaarig. Die knappe und korrekte Antwort von Riemann: „Das ist eine Perücke.“ Mit solch dämlichen Fragen nahm ein Interview seinen Lauf, das in ungeahnter Weise zu einem virtuellen Wirbelsturm führte, der über eine der besten Schauspielerinnen in Deutschland hinwegzog.

Dass sich eine Künstlerin herausnahm, auf banale oder zu intimen Fragen lustlos zu antworten, löste eine Flut von Beleidigungen und Beschimpfungen in den Sozialen Netzwerken aus. Facebook & Co. zeigten ihre hässliche Fratze. Ein rund elfminütiger Zusammenschnitt wurde auf Youtube bereits mehr als 1,3 Millionen Mal angesehen. Wegen der Angriffe schaltete die Künstlerin auf ihrer Website und ihrem Facebook-Profil bis heute die Kommentarfunktion aus. Verständlicherweise.

Die bittere Wahrheit: Aus der Anonymität heraus wurde Riemann im Netz übel angepöbelt. Zur traurigen Wahrheit gehört auch: Kein Intendant stellte sich schützend vor die Schauspielerin – auch nicht der für die Sendung „Das!“ zuständige NDR-Chef oder der ARD-Vorsitzende Lutz Marmor, der in Schaufensterreden gerne über journalistische Fairness doziert. „Gibt es Verhaltenskodexe in öffentlichen Formaten, die mit der Abwesenheit von Wahrhaftigkeit zu tun haben?“, fragt Katja Riemann auf ihrer Website zu Recht. Die Antwort lautet Nein.

„Es ist die Wahrheit, dass ich meinen Beruf liebe und gern über meine Arbeit spreche; wahr ist auch, dass das Reden über meine Person, oder Personen in meinem nahesten Kreis, mir schwer fällt“, schreibt die Schauspielerin. Eigentlich sollte so etwas auch kein Problem sein. Doch der von Riemann beanspruchte Schutz der eigenen Privatheit wurde vom bis dahin weitgehend unbekannten Moderator Baumgarten durch seine Fragen abgelehnt.

Auch in einem Interview mit NDR-Intendant Marmor wäre es spannender zu erfahren, ob sein Fernsehdirektor Beckmann tatsächlich in dem Korruptionsskandal des Kinderkanals verstrickt als die Frage, warum Marmor als Clown am Rosenmontag in Köln unterwegs ist. Doch solche Gespräche finden auf dem Sender ohnehin nicht statt.

Zum Auftrag von ARD und ZDF gehören Information, Kultur und anspruchsvolle Unterhaltung. Ob irrelevante Interviews wie in der NDR-Sendung „Das!“ dazu gehören, darf bezweifelt werden. Denn bisweilen sind sie nicht mehr als mediale Selbstbefruchtung. Am heutigen Montag etwa spricht Moderator Hinnerk Baumgarten mit dem Moderator Peter Illmann. Diese Belanglosigkeit können sich die Anstalten nur leisten, weil sie dem Gebührenzahler keine ernsthafte Rechenschaft über ihre Inhalte schuldig sind.

In der Wirtschaft wird die menschenunwürdige Attacke auf Katja Riemann mit Argusaugen beobachtet. Mancher Unternehmenslenker kann gut nachvollziehen, wie sich die bis dahin populäre Schauspielerin fühlt. Bei ARD und ZDF kommen Konzernlenker meist als herzlose, profitgierige Gesellen auf dem Bildschirm herüber wie beispielsweise Bertelsmann-Chef Thomas Rabe kürzlich im NDR, als er mit protestierenden Druckern vor der Berliner Konzernrepräsentanz sprach. Bilder, die am Chef von mehr als 100.000 Mitarbeitern kleben bleiben.

Mancher Unternehmer und Banker hat mit ARD und ZDF negativen Erfahrungen gemacht, mancher fühlte sich gar reingelegt oder unfair behandelt. Darüber wird geschwiegen, um sich keinen Ärger mit dem mächtigen Gebührenfernsehen einzuhandeln.

Die mangelnde Fairness ist der Hauptgrund, weshalb es heute nicht nur Provinz-Moderatoren, sondern auch den Stars der Zunft wie Günther Jauch, Markus Lanz oder Sandra Maischberger kaum noch gelingt, Top-Entscheider aus der Wirtschaft auf das Sofa zu holen. Interviews mit Vorstandschef aus den Dax-30-Konzernen zu wirklich wichtigen Themen wie Euro-Krise oder Mindestlohn finden nicht statt. Dabei wäre gerade das spannend für den Gebührenzahler.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa

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  • Also wenn ich ehrlich bin, frage ich mich nur: wie blöde muss man sein, um sich darüber aufzuregen?

    H.

  • Warum sollen sich die öffentlich rechtlichen Anstalten denn anstrengen. Die Zwangsgebühren erlauben doch ein gemühtliches Überleben, solange sie sich die für die Gebührenfeststetzung verantwortlichen Politiker bei Laune halten. Hier ist ein Sumpf entstanden, der nur durch fairen Wettbewerb wieder trocken zu legen ist.

    Also weg mit den Zwangsbeiträgen, weg mit den selbsternannten Kultur-Oberlehrer, weg mit den muffigen Programmen zur Volksverblödung, Öffnung des Medienmarktes!

  • Wer ist Katja Riemann ? Ne, ehrlich, weiß net wer das sein soll. Hab die Glotze längst rausgeschmissen - Müll, Müll, Müll hoch zehn. Deswegen zahl ich auch mit gutem Gewissen keine GEZ - weil ich das Programm WIRKLICH nicht ansehe, WIRKLICH NICHT, das macht doch keiner freiwillig !

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