Kolumnen

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Kolumne „Off Screen“: Einheitsbrei verdirbt den Appetit

Mit der Übernahme mehrerer Springer-Zeitungen durch die Funke-Gruppe könnte mehr publizistische Vielfalt entstehen. Doch eine enge Kooperation zwischen den beiden Konzernen macht diese Hoffnung zunichte.

Handelsblatt-Reporter Hans-Peter Siebenhaar schreibt immer montags seine Kolumne „Off Screen“.
Handelsblatt-Reporter Hans-Peter Siebenhaar schreibt immer montags seine Kolumne „Off Screen“.

Am Montag trat erstmals die Projektgruppe der Medienkonzerne Axel Springer und Funke Mediengruppe in der schicken Zentrale des „Bild“-Konzerns in der Axel-Springer-Straße in Berlin zusammen. Nach dem Verkauf der Tageszeitungen „Berliner Morgenpost“  und „Hamburger Abendblatt“ gab es für die Manager der Funke- und der Springer-Seite viel zu besprechen. Denn bei dem 920 Millionen Euro schweren Geschäft geht es um viel – auch um publizistische Vielfalt. Entgegen vieler Sonntagsreden ist es um den Informations- und Meinungspluralismus schlecht bestellt.

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Die Funke-Gruppe nutzt offenbar nicht die Chance, in den Millionen-Metropolen Berlin und Hamburg eine von Springer unabhängigen Weg bei den Inhalten zu gehen. Axel Springer wird weiter Artikel für ihre verkauften Blätter „Berliner Morgenpost“ und „Hamburger Abendblatt“ liefern – als wäre nichts geschehen. Die Funke-Blätter in der Hauptstadt und Hansestadt werden beispielsweise Nachrichten, Reportagen oder Kommentar vom Springer-Flaggschiff „Die Welt“ übernehmen, obwohl sie gar nicht zum „Bild“-Konzern gehören.

Die Motive des sparsamen Zeitungskonzerns aus dem Ruhrpott sind klar. Mit dem Artikellieferanten Springer lassen sich Millionen an Redaktionskosten sparen. Wie Insider bereits spekulieren, wird die Funke Mediengruppe sogar das Springer-Redaktionssystem mit dem ironisch anmutenden Namen Newsgate nutzen. Damit haben auch die Funke-Mitarbeiter Zugriff auf jeden Artikel, der beispielsweise beim Springer-Flaggschiff „Die Welt“ gerade entsteht.

Die Zeitungskrise

  • Deutschland, Zeitungsland

    Trotz aller Hiobsbotschaften aus der Medienbranche ist Deutschland immer noch ein Zeitungsland: Nach aktuellen Angaben des Bundesverbandes deutscher Zeitungsverleger (BDZV) gibt es hier 315 lokale und regionale Abonnementzeitungen, 10 überregionale Blätter sowie 8 Straßenverkaufszeitungen, vor allem die „Bild“.

  • Die Auflagen sinken

    Doch die meisten Blätter verlieren von Jahr zu Jahr an Auflage. Im zweiten Quartal 2013 wurden pro Erscheinungstag 20,64 Millionen Tageszeitungen verkauft, wie aus einer Erhebung der IVW hervorgeht. Das sind rund 4 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Darin sind rund 0,38 Millionen E-Paper-Ausgaben enthalten. Bei den Wochenzeitungen zeichnet sich ein ähnlicher Trend ab: Die verkaufte Auflage sank um rund 20.000 auf 1,73 Millionen Exemplare.

  • Der Werbemarkt schwächelt

    Die sinkende Auflage trifft die Zeitungen gleich doppelt: Zum einen sinken die Vertriebserlöse, wenn die Verlage den Verkaufspreis nicht anheben (was in den letzten Jahren aber viele getan haben). Zum anderen verdienen sie weniger mit den Anzeigen – deren Preis richtet sich nach der Reichweite. Während der Gesamtwerbemarkt 2012 um 0,9 Prozent schrumpfte, verzeichneten die Zeitungen einen Umsatzrückgang von 9,1 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro. Fürs laufende Jahr erwartet der Zentralverband der Deutschen Werbewirtschaft, dass die Verlage maximal eine schwarze Null erreichen.

  • Rubrikenmärkte wandern ins Netz ab

    Mit Kleinanzeigen, Stellenausschreibungen und Autoanzeigen haben die Verlage jahrzehntelang gutes Geld verdient. Doch die Rubrikenmärkte sind weitgehend ins Internet abgewandert – viele der Portale gehören nicht Verlagen, sondern anderen Akteuren. Hier gibt es nur wenige Ausnahmen. Im Online-Geschäft sehr aktiv ist beispielsweise der Axel-Springer-Verlag, ihm gehören das Immobilienportal Immonet und das Stellenportal Stepstone.

  • Digitale Produkte gleichen Minus nicht aus

    Die große Hoffnung auf den Verkauf digitaler Ausgaben hat sich bislang nicht erfüllt. Zwar verkaufen sich E-Paper immer besser, im zweiten Quartal 2013 waren es rund 380.000 Exemplare. Doch das ist zu wenig, um den Rückgang der Printauflage aufzufangen. Die Reichweite der Web-Portale steigt zwar, doch die Werbeeinnahmen gleichen das Umsatzminus nicht aus. Viele Verlage hoffen, mit Bezahlmodellen im Netz mehr Geld zu erwirtschaften.

  • Hoffnung auf die große Reichweite

    „Gedruckt, online und mobil erreichen die Zeitungen aktuell ein Publikum, das so groß ist wie nie zuvor“, erklärt der BDZV. Auf diese Reichweite hoffen die Verleger. Als Chancen nennt der Verband das Digitalgeschäft, aber auch neue Geschäftsfelder wie Aus- und Weiterbildung oder Veranstaltungsmanagement. Allerdings haben viele Verlage mit diversen Sparrunden das Personal stark ausgedünnt – das erschwert die Umsetzung neuer Ideen.

  • Bezahlinhalte als Ausweg?

    Immer mehr Verlage hoffen, mit Bezahlinhalten den Umsatz steigern zu können. Beim „metered model“, das etwa die „Welt“ verwendet, dürfen die Leser nur eine bestimmte Zahl an Artikeln kostenlos lesen – danach müssen sie ein Abo abschließen. Und die „Bild“ stellt nur einen Teil der Artikel kostenlos ins Netz, andere Beiträge bekommen nur zahlende Kunden zu sehen.

Im Gegenzug werden das „Hamburger Abendblatt“ und die „Berliner Morgenpost“ Beiträge für die Lokalteile der „Welt“ liefern. Andernfalls müsste die „Welt“ an der Alster eine eigene Lokalredaktion aufbauen. Das halten Insider für ausgeschlossen.

Es könnte sogar noch schlimmer kommen, derzeit wird in den gemeinsamen Gremien von Springer und Funke über eine noch viel tiefere Kooperation gesprochen. Beteiligte halten es für möglich, dass die „Welt“ künftig auch den übrigen Zeitungen der Funke-Mediengruppe Inhalte liefert. Das wäre ein Desaster für die Mantelredaktionen. Dem Essener Familienkonzern gehören die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“, die „Westfalenpost“, die „Braunschweiger Zeitung“ und die „Thüringer Allgemeine“ sowie eine Reihe weiterer Titel.

Noch ist die Übernahme der Springer-Blätter durch Funke beim Bundeskartellamt in Bonn nicht angemeldet. Unternehmenskreisen zufolge soll es aber noch in dieser Woche geschehen. Doch so viel ist bereits klar, die Wettbewerbshüter am Rhein werden sich alle Details genau ansehen. Die 6. Beschlussabteilung unter Führung von Julia Topel wird sich auch mit dem Thema des Medienpluralismus auseinander setzen müssen. Denn eigentlich müssten Springer und Funke nach dem Verkauf versuchen, sich gegenseitig die Leser durch exklusive Nachrichten und Reportagen abzujagen.

Als Gruner + Jahr vor Jahren angekündigt hatte, die Redaktionen von „Financial Times Deutschland“, „Capital“ und „Impulse“ zusammenzulegen, prägte der Hamburger Publizist und frühere Chefredakteur des Handelsblatts, Bernd Ziesemer, die schöne Metapher von der Hamburger Fischsuppe. Heute wissen wir: Die enge inhaltliche Verflechtung über eine Redaktionsgemeinschaft war der Tod der Wirtschaftspresse bei der Bertelsmann-Tochter.

Der Fall Funke-Springer liegt naturgemäß gemäß anders etwas anders. Doch am Ende könnte in der Verlagsküche ebenfalls eine Fischsuppe komponiert werden, auf die kein Leser wirklich Appetit hat. Die Folgen sind absehbar.

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Immer montags schreibt Handelsblatt-Medienredakteur und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt in seiner Kolumne „Off Screen“ auf.

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