Kolumne „Off Screen“: Einheitsbrei verdirbt den Appetit

Kolumne „Off Screen“
Einheitsbrei verdirbt den Appetit

Mit der Übernahme mehrerer Springer-Zeitungen durch die Funke-Gruppe könnte mehr publizistische Vielfalt entstehen. Doch eine enge Kooperation zwischen den beiden Konzernen macht diese Hoffnung zunichte.
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Am Montag trat erstmals die Projektgruppe der Medienkonzerne Axel Springer und Funke Mediengruppe in der schicken Zentrale des „Bild“-Konzerns in der Axel-Springer-Straße in Berlin zusammen. Nach dem Verkauf der Tageszeitungen „Berliner Morgenpost“  und „Hamburger Abendblatt“ gab es für die Manager der Funke- und der Springer-Seite viel zu besprechen. Denn bei dem 920 Millionen Euro schweren Geschäft geht es um viel – auch um publizistische Vielfalt. Entgegen vieler Sonntagsreden ist es um den Informations- und Meinungspluralismus schlecht bestellt.

Die Funke-Gruppe nutzt offenbar nicht die Chance, in den Millionen-Metropolen Berlin und Hamburg eine von Springer unabhängigen Weg bei den Inhalten zu gehen. Axel Springer wird weiter Artikel für ihre verkauften Blätter „Berliner Morgenpost“ und „Hamburger Abendblatt“ liefern – als wäre nichts geschehen. Die Funke-Blätter in der Hauptstadt und Hansestadt werden beispielsweise Nachrichten, Reportagen oder Kommentar vom Springer-Flaggschiff „Die Welt“ übernehmen, obwohl sie gar nicht zum „Bild“-Konzern gehören.

Die Motive des sparsamen Zeitungskonzerns aus dem Ruhrpott sind klar. Mit dem Artikellieferanten Springer lassen sich Millionen an Redaktionskosten sparen. Wie Insider bereits spekulieren, wird die Funke Mediengruppe sogar das Springer-Redaktionssystem mit dem ironisch anmutenden Namen Newsgate nutzen. Damit haben auch die Funke-Mitarbeiter Zugriff auf jeden Artikel, der beispielsweise beim Springer-Flaggschiff „Die Welt“ gerade entsteht.

Im Gegenzug werden das „Hamburger Abendblatt“ und die „Berliner Morgenpost“ Beiträge für die Lokalteile der „Welt“ liefern. Andernfalls müsste die „Welt“ an der Alster eine eigene Lokalredaktion aufbauen. Das halten Insider für ausgeschlossen.

Es könnte sogar noch schlimmer kommen, derzeit wird in den gemeinsamen Gremien von Springer und Funke über eine noch viel tiefere Kooperation gesprochen. Beteiligte halten es für möglich, dass die „Welt“ künftig auch den übrigen Zeitungen der Funke-Mediengruppe Inhalte liefert. Das wäre ein Desaster für die Mantelredaktionen. Dem Essener Familienkonzern gehören die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“, die „Westfalenpost“, die „Braunschweiger Zeitung“ und die „Thüringer Allgemeine“ sowie eine Reihe weiterer Titel.

Noch ist die Übernahme der Springer-Blätter durch Funke beim Bundeskartellamt in Bonn nicht angemeldet. Unternehmenskreisen zufolge soll es aber noch in dieser Woche geschehen. Doch so viel ist bereits klar, die Wettbewerbshüter am Rhein werden sich alle Details genau ansehen. Die 6. Beschlussabteilung unter Führung von Julia Topel wird sich auch mit dem Thema des Medienpluralismus auseinander setzen müssen. Denn eigentlich müssten Springer und Funke nach dem Verkauf versuchen, sich gegenseitig die Leser durch exklusive Nachrichten und Reportagen abzujagen.

Als Gruner + Jahr vor Jahren angekündigt hatte, die Redaktionen von „Financial Times Deutschland“, „Capital“ und „Impulse“ zusammenzulegen, prägte der Hamburger Publizist und frühere Chefredakteur des Handelsblatts, Bernd Ziesemer, die schöne Metapher von der Hamburger Fischsuppe. Heute wissen wir: Die enge inhaltliche Verflechtung über eine Redaktionsgemeinschaft war der Tod der Wirtschaftspresse bei der Bertelsmann-Tochter.

Der Fall Funke-Springer liegt naturgemäß gemäß anders etwas anders. Doch am Ende könnte in der Verlagsküche ebenfalls eine Fischsuppe komponiert werden, auf die kein Leser wirklich Appetit hat. Die Folgen sind absehbar.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Medienredakteur und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt in seiner Kolumne „Off Screen“ auf.

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