Kolumnen

_

Kolumne „Off Screen“: Noch nie GEZahlt

Es gibt sie doch: Firmen, die von der Rundfunkgebühr befreit sind. Ausgerechnet die privaten Fernsehsender entrichten keine Rundfunkgebühr. Über das Glück von RTL, Pro Sieben Sat 1 und Co.

Handelsblatt-Reporter Hans-Peter Siebenhaar schreibt immer montags seine Kolumne „Off Screen“.
Handelsblatt-Reporter Hans-Peter Siebenhaar schreibt immer montags seine Kolumne „Off Screen“.

Wenn es um ARD und ZDF geht, ist die private Konkurrenz nie um scharfe Kritik verlegen. Gebetsmühlenartig watschen die Führungskräfte von RTL oder Pro Sieben Sat 1 die öffentlich-rechtlichen Anstalten für ihre Expansion im Internet und andere Dinge ab. In Deutschland darf es keinen Medienkongress geben, in dem die Privaten nicht ARD und ZDF verbal den Hintern versohlen. Sind das nur Scheingefechte?

Anzeige

Abseits von Medienkongressen sieht die Wirklichkeit anders aus. Wenn es ans Eingemachte geht, herrscht durchaus ein friedliches Miteinander.

Beim neuen Rundfunkbeitrag, der alle Haushalte und Unternehmen zum Zahlen verpflichtet, sind die Konzerne auffällig schweigsam. Seit Monaten tobt ein erbitterter Streit um die ehemalige GEZ-Gebühr, doch die Privatsender stehen bei dieser Debatte abseits. Während Kommunen wie Köln, Handelsfirmen wie Rossmann oder Autovermieter wie Sixt längst auf die Barrikaden gehen, schweigen sich RTL und Pro Sieben Sat 1 über die umstrittene ARD/ZDF-Steuer lieber aus. Keine Reportage, keine Talkshow. Selbst in der Nachrichtensendung eines großen Privatsenders war es der Redaktionsleitung am Ende zu heikel, darüber zu berichten, beichtete mir ein Beteiligter.

Rundfunkbeitrag - Was sich geändert hat

  • Die Neuregelung ab 1. Januar 2013

    Zum Jahreswechsel wurde die bisherige Gerätegebühr abgeschafft. Sie wurde durch eine neue Haushaltsabgabe ersetzt. Unabhängig davon, ob der Bürger die Angebote von ARD und ZDF im Fernsehen, Radio oder Internet nutzt, muss er nun die volle Rundfunkgebühr zahlen.

  • Wer wie viel zahlen muss

    Kassiert werden pro Haushalt 17,98 Euro pro Monat. Wer Unterstützung wie Arbeitslosengeld erhält, studiert oder in der Ausbildung ist, muss keine Gebühr zahlen, wenn er sich befreien lässt. Menschen mit Behinderung zahlen monatlich 5,99 Euro statt der vollen Gebühr.

  • Was passiert, wenn man nicht bezahlt

    „Schwarzseher“ werden es künftig schwer haben, da ihnen nicht der Besitz von Radio oder Fernseher nachgewiesen werden muss. Stattdessen wird jeder Haushalt zur Kasse gebeten. Wer nicht bezahlt, begeht eine Ordnungswidrigkeit und kann mit einem Bußgeld rechnen.

  • Was sich für Unternehmen ändert

    Die Gebühren werden nach einem neuen Schlüssel berechnet, der pro Betriebsstätte und der Zahl der dort beschäftigten Mitarbeiter erhoben wird. Bislang fielen Gebühren lediglich für jeden PC im Unternehmen und jedes tatsächlich vorhandene Fernsehgerät an.

  • Wie die Wirtschaft leidet

    Besonders betroffen sind von der Neuregelung Firmen mit vielen Filialen. Sie müssen deutlich mehr zahlen. Die Autowerkstatt-Kette ATU gehört dazu, ebenso auch Rossmann, Sixt oder die DB Netz AG.

  • Fallstrick für Kleinunternehmen

    Die Antragsformulare des Beitragsservices sind nur vermeintlich eindeutig. Denn nur wer die Details der neuen Regeln kennt, kann wissen, dass er nicht alle Firmenautos eintragen muss. Nur die „beitragspflichtigen“ müssen eingetragen werden. Das heißt: Zahl der Autos minus Zahl der Betriebsstätten.

Kurios, aber wahr: Die Privaten ignorieren ein Thema, das immer mehr Bürger und Unternehmen in unserem Land auf die Palme bringt. Das ist kein Zufall. Dahinter verbirgt sich Strategie.

Warum RTL und Pro Sieben Sat 1 so gut auf die Zwangsgebühren zu sprechen sind, kann man im „Rundfunkbeitragsstaatsvertrag vom 15. Bis 21. Dezember 2010 in der Fassung des Fünfzehnten Staatsvertrages zur Änderung rundfunkrechtlicher Staatsverträge“, so heißt das Vertragswerk der 16 Bundesländer wirklich, nachlesen. Denn die Privaten sind im Gegensatz zum Rest der deutschen Wirtschaft bis zum St. Nimmerleinstag von der einstigen GEZ-Gebühr befreit.

Wörtlich heißt es unter Paragraph 5, Absatz 6: „Ein Rundfunkbeitrag nach Absatz 1 und 2 ist nicht zu entrichten von 1. den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, den Landesmedienanstalten und den nach Landesrecht zugelassenen privaten Rundfunkveranstaltern oder -anbietern ...“

Deutschlands größte TV-Sender

  • Platz 10

    Super RTL - 2,2 Prozent Marktanteil (Stand: 2011)

    Quelle: AGF/GfK Fernsehforschung

  • Platz 9

    RTL II - 3,6 Prozent Marktanteil

  • Platz 8

    Kabel Eins - 4 Prozent Marktanteil

  • Platz 7

    Vox - 5,6 Prozent Marktanteil

  • Platz 6

    ProSieben - 6,2 Prozent Marktanteil

  • Platz 5

    Sat. 1 - 10,1 Prozent Marktanteil

  • Platz 4

    ZDF - 12,1 Prozent Marktanteil

  • Platz 3

    ARD - 12,4 Prozent Marktanteil

  • Platz 2

    Dritte Programme - 12,5 Prozent Marktanteil

  • Platz 1

    RTL - 14,1 Prozent Marktanteil

Das ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Denn der Rest der deutschen Wirtschaft wird kräftig zur Kasse gebeten. Insbesondere Unternehmen mit vielen Filialen, im Amtsdeutsch „Betriebsstätten“ genannt, müssen seit dem Wegfall der Gerätegebühr zum Jahresanfang deutlich mehr blechen. Die Drogeriekette Rossmann hat deshalb eine Popularklage beim Bayerischen Verfassungsgerichtshof angestrengt.

  • 01.03.2013, 19:41 UhrAntigez

    Oh das wird bestimmt eine ganz "Neutrale" Berichterstattung.
    Werbung mit Gebührengeldern nenne ich dass.
    Mit 17,98EUR kaufe ich meinen Kindern lieber ein gescheites Buch oder bezahle die Beiträge des Sportvereins aber sicherlich nicht die üppigen renten der ÖR-Angestellten. Gruß Antje

  • 27.02.2013, 14:31 UhrInteressent

    @ Zweifler: einverstanden, natürlich gibt es jede Menge Verbesserungspotenziale im ÖR - zu viele Sendungen auf dem Niveau der Privaten, überteuerte Sportrechte, undurchsichtige Mischkalkulation... Aber in ihren Kernkompetenzen (Journalismus als 4.Staatsgewalt, Kultur und Bildung, Investigation...) ist der ÖR unverzichtbar, da können die SeifenSchaumSender - trotz vereinzelter Ausnahmen - nicht mit halten!

  • 27.02.2013, 06:19 UhrDeutscher

    Private Sender müssen nicht zahlen und ich werde doppelt kassiert.

    Da vermiete ich ein Haus an Langzeitmieter und die GEZ stuft es als Hotel ein. Dabei werden die Mieter einzeln auch zur GEZ veranlagt.
    Trotz mehrerer schriftlicher Hinweise und Einwände bewegen die sich nicht.

    JA so kommt man zum Geld und zu hohen Gehältern und Gagen.

  • Kommentare
Handelsblatt in 99 Sekunden: Keine WM für Russland

Keine WM für Russland

Der Westen tut sich schwer mit wirkungsvollen Sanktionen gegen Russland. Warum dann nicht im Sport? Unser Thema bei Handelsblatt in 99 Sekunden.

Silvio Berlusconi: Freispruch? Gut so!

Freispruch? Gut so!

Silvio Berlusconi ist im Prozess wegen Amtsmissbrauch und Sex mit Minderjährigen freigesprochen worden. Gut so! Kein Gerichtsverfahren sollte dem Politiker Berlusconi ein Ende bereiten, sondern seine verfehlte Politik.

  • Kolumnen
Der Werber-Rat: Die beste Verkäuferin der Welt

Die beste Verkäuferin der Welt

Liegt die Rettung des vom Online-Wettbewerb unter Druck gesetzten Einzelhandels vielleicht auf einem kleinen Bauernmarkt in Frankreich? Ein Urlaubserlebnis legt diesen Schluss nahe.

Was vom Tage bleibt: Russland braucht keine WM

Russland braucht keine WM

Ein WM-Boykott würde Russland ganz empfindlich treffen, die Regional-Airports jammern (wieder). Joachim Löw bleibt, Hamburg verbietet Uber und Daimler baut vor. Der Tag im Rückblick.

Der Ver(un)sicherer: Verkehrte Welt bei der Altersvorsorge

Verkehrte Welt bei der Altersvorsorge

Unabhängig sein vom Staat, vom Kapitalmarkt profitieren: Es waren die Argumente für die private Altersvorsorge. Doch ist es eine Mär zu glauben, es gäbe einen Kapitalmarkt losgelöst vom Staat. Bürger kann nur verlieren.

  • Gastbeiträge
Gastbeitrag: Das süße Gift der Bankensubventionen

Das süße Gift der Bankensubventionen

Die Großbanken hängen bereits am staatlichen Subventionstropf. Nun fordern sie weitere Privilegien bei der Finanzierung des Abwicklungsfonds. Kleine Volksbanken sollen für die Großen zahlen. Das ist unfair.

Schärfere Russland-Sanktionen: „Deutsche Unternehmen in der Zwickmühle“

„Deutsche Unternehmen in der Zwickmühle“

In der Unternehmenswelt ist der Kalte Krieg wieder ausgebrochen. Deutsche Firmen stehen in Zeiten des Ukraine-Konflikts zwischen den Fronten. Vor allem die harten US-Sanktionen bringen sie in die Bredouille.

Kurz gesagt: Im Osten viel Neues

Im Osten viel Neues

Die Ukraine-Krise zwingt die Nato, sich in wichtigen Fragen neu auszurichten. Markus Kaim zu den Prioritäten, die im Verhältnis zu den osteuropäischen Ländern, zur Ukraine und zu Russland gesetzt werden sollten.

  • Presseschau
Presseschau: Credit Suisse gibt sich tapfer

Credit Suisse gibt sich tapfer

Ein Milliarden-Bußgeld in den USA wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung hat die Credit Suisse tief in die roten Zahlen gerissen. Die Reaktionen der internationalen Wirtschaftsmedien sind gemischt.