Kolumne „Off Screen“
Schlaflos in Hamburg

Gruner + Jahr steht vor dem größten Umbau seit Jahrzehnten. Dem Verlagshaus droht ein schmerzhafter Schrumpfkurs. Management und Mitarbeiter sind verunsichert, welchen Weg der Eigentümer Bertelsmann einschlagen wird.
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Es gibt gute Nachrichten aus dem Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr („Stern“, „Brigitte“, „Gala“). Auch wenn gerade erst das erste Halbjahr zu Ende geht, wissen Insider an der Alster bereits: 2013 wird kein annus horribilis wie 2012. Gruner + Jahr wird beim Haupteigentümer Bertelsmann diesmal wieder einen Gewinn abliefern. Das ist sehr wichtig. Denn im vergangenen Jahr hatte das einst so stolze Verlagshaus zum zweiten Mal in seiner Konzerngeschichte rote Zahlen geschrieben. Der Jahresfehlbetrag - nicht zuletzt wegen der hohen Begleitkosten für die Einstellung der „Financial Times Deutschland" - betrug mehr als elf Millionen Euro. Gruner + Jahr gehört zu 74,9 Prozent Bertelsmann. Die restlichen Anteile hält die hanseatische Unternehmerfamilie Jahr, die sich im vergangenen Jahr gegen den Verkauf ihrer Anteile an die Gütersloher entschied.

Doch die positive Entwicklung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Gruner + Jahr an der wichtigsten Weggabelung seiner Geschichte steht: Entscheiden sich die Gesellschafter für einen weiteren Schrumpfkurs - oder endlich auch für Investitionen in neue Geschäfte?

In der vergangenen Woche hatte Julia Jäkel, Gruners neue Vorstandschefin, keine guten Nachrichten auf Lager. Der ehemals größte Zeitschriftenverlag Europas, einst eine Goldader für die Gütersloher, wird erst einmal schrumpfen. In den nächsten fünf Jahren will das Verlagshaus in Deutschland 200 Arbeitsplätze abbauen. Auch im Ausland wird es bei Personal und Umsatz einen Schrumpfkurs geben. „Die Zeiten, als es noch als das Höchste galt, auf der Weltkarte wieder ein Fähnchen auf ein Land zu stecken, sind doch längst vorbei“, sagt ein Kontrolleur, der der geografischen Expansion kritisch gegenüberstand. Nach dem Verkauf des Geschäfts in Polen wird Gruner + Jahr auch in Kroatien und Serbien aussteigen. Dort schrieben die Hamburger zuletzt einen kleinen Verlust. Auch was aus dem Italien-Geschäft wird, ist ungewiss. Mit dem Partner Mondadori, dem Zeitschriften- und Buchverlag des Medienzaren und ehemaligen italienischen Premiers Silvio Berlusconi, wird über eine Lösung gesprochen. Doch die Gespräche mit den wankelmütigen Italienern sind nicht einfach.

Bislang beträgt der Auslandsanteil von Gruner + Jahr mehr als 55 Prozent. Doch diese Zeiten werden mit dem Schrumpfkurs in diesem Jahr vorbei sein.

Die Unsicherheit in Hamburg und bei den Auslandstöchtern ist riesengroß. Denn alle wissen: Bertelsmann-Chef Thomas Rabe und sein bei Gruner + Jahr nicht gerade populärer Stratege Thomas Hesse lieben das Zeitschriftengeschäft nicht mehr. Schon in den vergangenen Jahren wurden Jäkels Vorgängern, Bernd Kundrun und Bernd Buchholz, immer wieder Investitionen verweigert. Das Wachstumsfeld der „Business Information“ nimmt Rabe lieber selbst ins Visier, als es seiner Mannschaft an der Alster zu vertrauen. Einen entsprechenden Investitionswunsch des damaligen Vorstandschef Buchholz hintertrieb Rabe. Der selbstbewusste Buchholz suchte danach rasch das Weite und arbeitet derzeit mit Hochdruck an seiner Karriere als FDP-Bundespolitiker. „Gruner + Jahr gehört zum Kern von Bertelsmann“, sagte Bertelsmann-Chef Rabe bei seinem letzten Handelsblatt-Interview. Doch in Hamburg haben seine Worte nur noch wenig Überzeugungskraft.

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