Kolumne „Off Screen“
Zynisches ZDF

Die vierteilige Doku-Soap „Auf der Flucht“ macht das Schicksal von Asylsuchenden zur dumpfen Fernsehunterhaltung. Bitte stoppt das menschenunwürdige TV-Spektakel!
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Am Donnerstag um 22.15 Uhr ist es wieder so weit: Dann strahlt ZDF Neo, der Nebenkanal der Mainzer TV-Anstalt, den zweiten Teil der vierteiligen ZDF-Doku „Auf der Flucht“ aus. Die Verantwortlichen nennen das Ganze selbst ein Experiment. Denn das Gebührenfernsehen schickt sechs Deutsche auf die Flucht nach Afrika und den Mittleren Osten. Darunter sind unter anderen ein ehemaliger Neonazi, ein Ex-Afghanistan-Soldat, eine Streetworkerin mit Migrationshintergrund, der ehemalige „Böhse Onkelz“-Musiker Stephan Weidner und das Model Mirja du Mont. Sie werden vom ZDF auf die klassischen Schleuserrouten geschickt.

Grundsätzlich ist es wichtig im Fernsehen Neues zu probieren. Gerade die öffentlich-rechtlichen Sender brauchen dringend ein jüngeres Publikum, um den Generationsabriss zu verhindern. Schon jetzt liegt beispielsweise das Durchschnittsalter der ZDF-Zuschauer bei 60 Jahren. Grundsätzlich ist es auch richtig, gerade das komplexe Thema Flucht aus armen und politisch instabilen Ländern aufzugreifen und problematisieren.

Doch das Experiment „Auf der Flucht“, das in zwei Teilen auch im Hauptsender ZDF zu sehen sein wird, ist gründlich misslungen. Die Mainzer Anstalt hat mit einer Tochterfirma des Studio Hamburg (gehört dem NDR) eine Art naive Asyl-Dschungelshow inszeniert, die dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen unwürdig ist. Es ist völlig unverständlich, weshalb beispielsweise ausgerechnet ein reumütiger Ex-Neonazi auf die Reise geschickt wird, gemeinsam mit der Gattin eines Schauspielers, die nicht weiß, wo Nordafrika liegt. Warum wird dumpfen, rechtspopulistischen Parolen hier eine Plattform geboten? Um es vorsichtig zu formulieren, die Besetzung ist ein dramaturgischer Fehlgriff, den der Zuschauer nicht verdient.

Die Doku-Soap ist menschenunwürdiges TV-Werk. Denn das Elend der Flüchtlinge wird zum Abenteuerspielplatz ignoranter TV-Protagonisten. Das ZDF verteidigt sich: „Das in Deutschland viel und kontrovers diskutierte Thema wird durch die Reise der Protagonisten nachvollziehbar gemacht.“ Das ist ein Trugschluss. Denn das Leid der Emigranten lässt sich nicht vor laufender Kamera nach dem Vorbild geschriebener Wirklichkeitsshows (Scripted Reality) inszenieren. Das sollte vor allem ein Sender wissen, der die programmliche Qualität zur obersten Maxime erhoben hat.

Zu Recht hat Pro Asyl kritisiert, dass die Sendung die Flucht von Menschen zum TV-Event mache. Mal wieder wird im Fernsehen über Flüchtlinge geredet, anstatt sie vor allem selbst zu Wort kommen zu lassen. Das banale Gerede des deutschen Sextetts, das auf Kosten der Gebührenzahler durch die halbe Welt reisen darf, ist eine Geduldsprobe. Leider gelingt es mit dieser Dramaturgie und mit diesem Format nicht, die komplexen Hintergründe des Flüchtlingsdramas auszuleuchten. Da helfen auch keine dramatische Musik oder die Tränenausbrüche naiver Protagonisten weiter.

Wenn das ZDF seinen Programmauftrag und die Menschenwürde ernst nimmt, dann setzt es dieses zynische Spektakel schleunigst ab. Der Applaus vieler Zuschauer und Emigranten werden den Senderverantwortlichen sicher sein.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Medienredakteur und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt in seiner Kolumne „Off Screen“ auf.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa

Kommentare zu " Kolumne „Off Screen“: Zynisches ZDF"

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  • Die Asyldebatte ist ein weiterer Beleg für das Fehlen funktionierender Demokratie in der BRD

    Die Asyldebatte ist ein weiterer Beleg für das Fehlen einer wirklichen Demokratie in der BRD, und den Umstand, dass die sogenannten demokratischen Parteien es sich leisten können Politik völlig an den Interessen und der Meinung der überwiegenden Mehrheitsbevölkerung vorbei zu regieren.

    Von einer kleinen, wenn auch lautstarken Minderheit abgesehen, wollen die Menschen mehrheitlich nicht, dass immer mehr Asylbewerber nach Deutschland kommen, viele wollen dass überhaupt mehr kommen. Und das aus guten Grund, denn die Masseneinwanderung von meist unqualifizierten überwiegend muslimischen Einwanderern und deren Rundum-Versorgung kann nicht im Interesse der Deutschen und alteingesessenen Migranten liegen.

    Wie auch in der Schweiz könnten Volksabstimmungen über Verschärfungen des Asylsystems auf breite Mehrheit hoffen.

    Aber im Bundestag sind aber komischerweise nur Parteien vertreten, die das deutsche Asylsystem und Asylrecht, das Deutschland zur größten Aufnahmenation von Asylbewerbern macht, entweder so belassen oder sogar noch weiter liberalisieren wollen. Parteien also die die Mehrheitsmeinung entweder verachten oder gegen diese Politik betreiben wollen.

  • DIE ASYLDEBATTE IST EIN WEITERER BELEG FÜR DAS FEHLEN FUNKTIONIERENDER DEMOKRATIE IN DER BRD

    Die Asyldebatte ist ein weiterer Beleg für das Fehlen einer wirklichen Demokratie in der BRD, und den Umstand, dass die sogenannten demokratischen Parteien sich leisten können Politik völlig an den Interessen und der Meinung der überwiegenden Mehrheitsbevölkerung vorbei zu regieren.

    Von einer kleinen, wenn auch lautstarken Minderheit abgesehen, wollen die Menschen mehrheitlich nicht, dass immer mehr Asylbewerber nach Deutschland kommen, viele wollen, dass überhaupt mehr kommen. Und das aus guten Grund, denn die Masseneinwanderung von meist unqualifizierten überwiegend muslimischen Einwanderern und deren Rundum-Versorgung kann nicht im Interesse der Deutschen und alteingesessenen Migranten liegen.

    Wie auch in der Schweiz könnten Volksabstimmungen über Verschärfungen des Asylsystems auf breite Mehrheit hoffen.

    Aber im Bundestag sind aber komischerweise nur Parteien vertreten, die das deutsche Asylsystem und Asylrecht, das Deutschland zur größten Aufnahmenation von Asylbewerbern macht, entweder so belassen oder sogar noch weiter liberalisieren wollen. Parteien also die die Mehrheitsmeinung entweder verachten oder gegen diese Politik betreiben wollen.

  • Und wenn dann einer erschlagen wird, ist das dann so richtig in echt ?
    Boah ey, voll geil ...

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