Konjunktur
Der deutsche Patient

Staatliche Konjunkturprogramme und ein deutlicher Rückgang der Importe waren die Ursache für die Rückkehr des BIP-Wachstums im zweiten Quartal. Aber der Einbruch gegenüber dem Vorjahr ist der schlimmste seit 40 Jahren und fast doppelt so stark wie in den USA. Die Arbeitslosenzahlen könnten noch weiter steigen. Die Stimmung ist besser, aber die Wirtschaft wirkt nach wie vor anfällig.
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Der Zustand des deutschen Patienten hat sich nach seiner bedrohlichen Krise wieder stabilisiert. Aber das Sozialproduktswachstum um 0,3 Prozent im zweiten Quartal war größtenteils rein technisch bedingt: Es spiegelt den Rückgang der Importe, der die Einbußen bei den Exporten noch übertraf. Eine schnelle Erholung steht gar nicht zur Debatte. Ein Rückfall bleibt dagegen die große Gefahr.

Der Jubel am Markt ignoriert die anhaltenden Probleme und die Zerbrechlichkeit der Erholung. Verglichen mit dem Vorjahr liegt das BIP heute 7,1 Prozent niedriger - ein Rückgang, der fast doppelt so hoch ausfällt, wie in der US-Wirtschaft. Der tiefe Einbruch des Welthandels hat ein Land getroffen, dessen Wirtschaftswachstum stark von der Nachfrage fremder Konsumenten abhängt. Allerdings wäre die Situation ohne ein Programm wie die Abwrackprämie heute auch noch viel schlechter.

Solche Anreize sind nicht von Dauer. Die deutsche Produktionskapazität muss sich der schwächeren Nachfrage anpassen. Bisher hat die Regierung dazu beigetragen, diesen Prozess zu verzögern. So wurde der Anstieg der Arbeitslosigkeit unter anderem durch die Ausweitung der Möglichkeiten der Kurzarbeit auf ein Minimum begrenzt - der Verlust von einer Viertelmillion Arbeitsplätzen führte zu einer Steigerung der Arbeitslosenquote von 7,7 auf 8,2 Prozent.

Bundeskanzlerin Angela Merkel brachte, wenn auch widerstrebend, zwei Konjunkturpakete auf den Weg. Der Staatshaushalt fiel von einem 7-Milliarden-Euro-Überschuss im ersten Halbjahr 2008 auf das gewaltige Defizit von 17,3 Milliarden Euro für die ersten 6 Monate dieses Jahres.

Auf das Jahr gerechnet entspricht dass einer Neuverschuldung von rund 3 Prozent des BIP, ein Prozentsatz, der gemessen an den verschwenderischen US- und GB-Standards immer noch gering ist. Aber vor dem Hintergrund eines außerordentlich starken Euro, weltweit zurückhaltender Konsumenten und Regierungen, die Probleme haben weitere Konjunkturprogramme zu finanzieren, stehen die Aussichten auf eine Exporterholung schlecht. Das heißt, höhere Defizite, höhere Arbeitslosigkeit und rückläufige Inlandsnachfrage sind wahrscheinlich.

Die chronische Schwäche der Inlandsnachfrage ist der eigentliche Grund für Deutschlands Probleme. Die alternde, rückläufige Bevölkerung ist vorsichtig und macht Deutschland abhängig von einer Welt, die nicht mehr so sorglos Geld ausgibt wie früher.

Volkswirte könnten argumentieren, Deutschland braucht frisches Blut: Ströme von Immigranten, die die Wirtschaft wiederbeleben. Aber das ist eine Therapie, die kein Politiker von Bedeutung unterstützen wird, wohl auch nicht nach den Wahlen im September.

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