Konjunktur
Zu viel des Guten

Notenbanken und Regierungen pumpen riesige Geldmengen in die Wirtschaft. Mit ersten negativen Folgen. Die Rohölpreise wurden von der steigenden Liquiditätsflut in die Höhe getragen. Die Anleihe-Renditen sind in einer Angstreaktion auf das frei verfügbare Geld geklettert. Beides zusammen könnte eine Erholung schmerzhafter gestalten, als die Märkte dies hoffen.
  • 0

Geld ist eine starke Droge. Die globale Wirtschaft schluckt gerade bisher noch nicht gekannte Mengen dieses Stoffs. Zwar hat sie auf die Behandlung positiv reagiert, doch zeigen sich auch schon unerwünschte Nebenwirkungen - nicht zuletzt auf den Rohstoff- und Anleihemärkten.

Die Geld-Medizin wurde in verschiedenen Formen verabreicht: enorme Staatsdefizite, Bankenrettungen, der Kauf von Vermögenswerten durch die Zentralbanken und Zinsen, die gegen Null tendieren. Die finanziellen Heilmittel haben dazu beigetragen, dass die globalen Wirtschaftsnachrichten nicht mehr Furcht erregend, sondern bestenfalls gemischt ausfallen. Die Gefahr von Bankpleiten in Serie und einer Kreditdeflation wurde gebannt.

Die Investoren haben gewiss Geld zur Verfügung, mit dem sie um sich werfen können. Die Preise fast aller Finanzvermögenswerte haben kräftig zugelegt. Und doch ist nicht alles gut.

Das unmittelbarste Problem besteht darin, dass Geld von Natur aus fungibel ist, so dass die zuständigen Behörden nicht sicherstellen können, dass das zusätzliche Angebot nur dahin fließt, wo es eigentlich von Nutzen sein sollte. Die Bankkonten von Rohölkäufern, zum Beispiel, sind nun zu üppig mit Mitteln bestückt. Der Rohölpreis hat sich seit Februar von 33 Dollar auf 72 Dollar je Barrel erhöht und sich damit mehr als verdoppelt, auch wenn das Angebot die derzeitige Nachfrage mehr als erfüllen kann.

Dieser kräftige Zuwachs kommt den Chefs der Erdölgesellschaften sehr entgegen - Tony Hayward von BP ist jetzt der Ansicht, dass 60 Dollar bis 90 Dollar "die richtige Art von Niveau" sind. Doch damit zieht die Gefahr auf, dass Handelsungleichgewichte verstärkt werden und sich die nicht auf Öl bezogenen Ausgaben der privaten Verbraucher verringern.

Längerfristig könnte die globale Geldflut dazu führen, dass zu viel Cash in zu wenige Güter fließt: Das Rezept für eine Inflation der Einzelhandelspreise. Davon ist jetzt noch nichts zu sehen. Die Preise fallen in den USA, Japan und Großbritannien immer noch. In der Eurozone bewegen sie sich im Schneckentempo vorwärts.

Doch wenn bessere Zeiten anbrechen und Arbeiter und Unternehmen ihren Nachholbedarf ausleben, könnte die Inflation mit Macht einsetzen. Die Angst davor, dass dies eintreten könnte, erklärt zum Teil den Preisrückgang bei einem wichtigen Finanzvermögenswert, den Staatsanleihen. Der Fall hat die Rendite der zehnjährigen US-Treasuries in vier Monaten von 2,1 Prozent auf vier Prozent klettern lassen.

Höhere Bond-Renditen, genau so wie höhere Ölpreise, verlangsamen die Erholung, indem sie die für Ausgaben verfügbaren Mittel beschneiden. Als Reaktion darauf fordern einige Volkswirte, dass die Notenbanken sogar noch mehr langfristige Staatstitel kaufen sollten. Dies käme einer noch intensiveren geldpolitischen Therapie gleich. Das erinnert an eine alte Plattitüde unter Medizinern: Einige Behandlungsmethoden sind sogar noch schlimmer als die Krankheit selbst.

Kommentare zu " Konjunktur: Zu viel des Guten"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%